Anders als in der Humanmedizin, wo eine Facharztweiterbildung praktisch zum Standardweg gehört, bleibt die Zahl der offiziell anerkannten Fachzahnarzt-Titel in Deutschland überschaubar. Wer nach dem Staatsexamen mehr will als die Generalistenpraxis, stößt schnell auf eine verwirrende Gemengelage aus echten Fachzahnarzt-Titeln, einem Doppelstudium, Masterabschlüssen und Fortbildungscurricula, und nicht jede dieser Bezeichnungen bedeutet dasselbe. Dieser Artikel ordnet die Wege.
Welche Fachzahnarzt-Titel gibt es tatsächlich?
Rechtsgrundlage ist § 20 Abs. 3 der Musterberufsordnung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Zahnärzt:innen dürfen „nach zahnärztlichem Weiterbildungsrecht erworbene Bezeichnungen“ führen. Bundesweit (also in praktisch allen Kammerbereichen) anerkannt sind genau drei Fachgebiete:
- Kieferorthopädie (KFO)
- Oralchirurgie (auch als „Zahnärztliche Chirurgie“ bezeichnet)
- Öffentliches Gesundheitswesen (ÖGW)
Hinzu kommt ein Sonderfall: die Parodontologie, die es bislang nur in zwei von 17 Kammerbereichen als eigenen Fachzahnarzt-Titel gibt: seit 1983 in Westfalen-Lippe und seit Anfang 2024 auch in Rheinland-Pfalz. Details dazu im Artikel Fachzahnarzt Parodontologie.
Die Landeszahnärztekammern regeln Dauer, Inhalte und Prüfungsmodalitäten in eigenen Weiterbildungsordnungen (WBO), die Grundstruktur ist ähnlich, Details wie die genaue Dauer unterscheiden sich aber spürbar zwischen den Kammern. Wichtig zu wissen: Die Bundeszahnärztekammer selbst steht einer Ausweitung auf weitere Fachgebiete kritisch gegenüber. Ein Vertreter warnte in der Fachpresse öffentlich vor einer „Facharzteritis“, die den Berufsstand zu stark fragmentieren könnte, und betonte, dass 80 bis 90 Prozent der Patient:innenbedürfnisse ohnehin von der Hauszahnärztin oder dem Hauszahnarzt abgedeckt würden (Quelle: zm-online, „Spezialisten für besondere Fälle“, 2024).
Was alle Fachzahnarzt-Wege gemeinsam haben
Unabhängig von der Fachrichtung gilt: Voraussetzung ist immer die abgeschlossene zahnärztliche Approbation. Die Weiterbildung selbst findet an anerkannten Weiterbildungsstätten statt: Universitätskliniken, zugelassene Krankenhausabteilungen oder Praxen weiterbildungsermächtigter Kolleg:innen, und wird über ein Logbuch dokumentiert. Am Ende steht eine Prüfung vor der zuständigen Landeszahnärztekammer, die den Titel verleiht. Weiterbildungsplätze sind in allen drei Fachrichtungen begrenzt, sodass sich eine frühzeitige Bewerbung lohnt.
Kieferorthopädie: der beliebteste Fachzahnarzt-Weg
Mit 3.825 Fachzahnärztinnen und Fachzahnärzten zum Stichtag 31.12.2024 ist KFO die mit Abstand größte der drei Kernrichtungen (Quelle: bzaek.de, Mitgliederstatistik). Je nach Kammer dauert die Weiterbildung 3 Jahre (etwa Zahnärztekammer Nordrhein, ohne vorgeschaltetes allgemeinzahnärztliches Jahr) oder 4 Jahre mit einem Jahr Allgemeinzahnmedizin vorweg (etwa Baden-Württemberg, Niedersachsen). Alles zum Ablauf im Artikel Weiterbildung Kieferorthopädie.
Oralchirurgie: das operative Fach
Wer sich für den chirurgischen Teil der Zahnmedizin begeistert, ohne den Umweg über ein zweites Studium zu gehen, findet in der Oralchirurgie die passende Weiterbildung. Sie dauert nach den WBO von Baden-Württemberg und Niedersachsen jeweils 4 Jahre: ein allgemeinzahnärztliches Jahr plus drei fachspezifische Jahre. 3.910 Fachzahnärztinnen und Fachzahnärzte für Oralchirurgie waren zum 31.12.2024 in Deutschland tätig (Quelle: bzaek.de). Mehr dazu im Artikel Weiterbildung Oralchirurgie.
Öffentliches Gesundheitswesen: der unbekannteste Weg
Kaum ein Studienstart denkt an diese Fachrichtung, dabei ist sie ein vollwertiger Fachzahnarzt-Titel, zuständig für die zahnmedizinische Gesundheitsvorsorge in Gesundheitsämtern, etwa Reihenuntersuchungen an Schulen oder die Beratung von Kommunen in Präventionsfragen. Die Weiterbildung dauert beispielsweise in Nordrhein-Westfalen 4 Jahre mit 44 Monaten praktischer Tätigkeit und mindestens 400 theoretischen Unterrichtsstunden. Details im Artikel Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen.
Parodontologie: der regionale Sonderfall
Nur wer im Kammerbereich Westfalen-Lippe oder (seit der neuen Weiterbildungsordnung von 2024) in Rheinland-Pfalz praktiziert, kann sich derzeit zum Fachzahnarzt für Parodontologie weiterbilden lassen. In allen anderen 15 Kammerbereichen bleibt Parodontologie ein Tätigkeitsschwerpunkt oder ein Fortbildungsziel über Fachgesellschaften wie die DG PARO – aber kein staatlich verliehener Titel. Warum das so ist und wie die Weiterbildung dort abläuft, erklärt der Artikel Fachzahnarzt Parodontologie.
Der Sonderweg MKG-Chirurgie
Streng genommen ist die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) kein zahnärztlicher, sondern ein ärztlicher Facharzt-Titel: Voraussetzung ist die Doppelapprobation in Human- und Zahnmedizin, gefolgt von einer fünfjährigen Facharztweiterbildung nach ärztlichem Weiterbildungsrecht. Insgesamt dauert dieser Weg von Studienbeginn bis zum Facharzttitel rund 15 Jahre, damit ist er zeitlich mit Abstand der aufwendigste unter allen hier vorgestellten Optionen. Wer sich dafür interessiert, findet den kompletten Ablauf im Artikel MKG-Chirurg werden: das Doppelstudium.
Und wenn kein Fachzahnarzt-Titel passt?
Neben den echten Fachzahnarzt-Titeln gibt es zwei weitere, deutlich häufiger genutzte Spezialisierungswege: strukturierte Fortbildungscurricula von Fachgesellschaften wie DGI, DGET oder DG PARO, sowie berufsbegleitende Masterstudiengänge (M.Sc.). Beide verleihen keinen geschützten Facharzt-Titel, ermöglichen aber eine anerkannte fachliche Vertiefung, meist deutlich flexibler in Dauer und zeitlicher Organisation als eine klassische Fachzahnarzt-Weiterbildung. Einen Überblick liefern die Artikel Curricula: strukturierte Fortbildung ohne Fachzahnarzt-Titel und Masterstudiengänge für Zahnärzte im Überblick. Was Zahnärzt:innen mit welcher Qualifikation öffentlich über sich sagen dürfen, klärt der Artikel Tätigkeitsschwerpunkt, Spezialist, Fachzahnarzt: Wer darf sich was nennen?
Dauer und Aufwand im Vergleich
- Kieferorthopädie: 3–4 Jahre nach der Approbation
- Oralchirurgie: 4 Jahre nach der Approbation
- Öffentliches Gesundheitswesen: 4 Jahre nach der Approbation
- Parodontologie (nur Westfalen-Lippe, Rheinland-Pfalz): 4 Jahre nach der Approbation
- MKG-Chirurgie: rund 15 Jahre ab Studienbeginn, inklusive zweitem Studium und fünfjähriger Facharztweiterbildung
- Curricula (z. B. Implantologie, Endodontologie, Parodontologie): meist 1 bis 1,5 Jahre, berufsbegleitend
- Masterstudiengänge: meist 2 bis 2,5 Jahre, berufsbegleitend
Wie finde ich den richtigen Weg?
Wer langfristig planen möchte und Freude an über Jahre begleiteten Behandlungen hat, ist in der Kieferorthopädie gut aufgehoben. Wer lieber operiert, aber kein zweites Studium beginnen will, findet in der Oralchirurgie das passende Fach. Wer sich eher für Prävention, Versorgungsplanung und Verwaltung interessiert, sollte sich das öffentliche Gesundheitswesen genauer ansehen. Und wer sich für die anspruchsvollste chirurgische Schnittstelle von Medizin und Zahnmedizin begeistert und die Zeit mitbringt, findet in der MKG-Chirurgie das umfassendste, aber auch längste aller hier vorgestellten Ausbildungsziele.
Fazit – kein Weg ist der einzig richtige
Die Fachzahnarzt-Landschaft in Deutschland ist überschaubarer, als viele erwarten: im Kern drei bundesweite Titel, ein regionaler Sonderfall und ein aufwendiger Sonderweg über ein zweites Studium. Wer keinen dieser Wege gehen möchte, muss deshalb nicht auf Spezialisierung verzichten: Curricula und Masterstudiengänge bieten flexiblere Alternativen mit kürzerer Bindungszeit. Entscheidend ist am Ende weniger der Titel selbst, sondern ob der gewählte Weg zu den eigenen fachlichen Interessen und der Lebensplanung passt.
Quellen
- Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Musterberufsordnung, § 20 Abs. 3; Mitgliederstatistik Fachzahnärzte, Stichtag 31.12.2024
- zm-online: „Spezialisten für besondere Fälle“, Ausgabe 2024-06
- Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz / DG PARO: Einführung Fachzahnarzt Parodontologie 2024
- Weiterbildungsordnungen der Zahnärztekammer Nordrhein, der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg und der Zahnärztekammer Niedersachsen (ZKN)
- Akademie für öffentliches Gesundheitswesen: Weiterbildung Fachzahnarzt ÖGW

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