Fachzahnarzt & Weiterbildung

Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen: Der unbekannte Weg

Von Redaktion5 Min. Lesezeit
Zahnärztin markiert eine bunte Bevölkerungsgesundheitskarte auf dem Schreibtisch – Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen: Der unbekannte Weg

Während sich die meisten frisch approbierten Zahnärzt:innen zwischen eigener Praxis, Anstellung oder einer der klassischen Fachzahnarzt-Weiterbildungen entscheiden, kennt kaum jemand einen dritten bundesweit anerkannten Titel: den Fachzahnarzt beziehungsweise die Fachzahnärztin für öffentliches Gesundheitswesen (ÖGW). Wer diesen Weg wählt, verabschiedet sich fast vollständig vom eigenhändigen Bohren, Füllen und Extrahieren, und wechselt in eine Rolle zwischen Prävention, Verwaltung und Versorgungsplanung.

Was macht ein Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen?

Im Zentrum steht nicht die Behandlung des einzelnen Zahns, sondern die zahnmedizinische Versorgung ganzer Bevölkerungsgruppen: Gruppenprophylaxe an Schulen und Kindergärten, epidemiologische Erhebungen zur Mundgesundheit, Beratung von Kommunen und Gesundheitsämtern, Gutachtertätigkeit sowie die fachliche Leitung zahnärztlicher Gesundheitsdienste. Wer sich für dieses Tätigkeitsfeld interessiert, findet eine ausführliche Beschreibung im Artikel Was macht ein Zahnarzt im öffentlichen Gesundheitsdienst?

Voraussetzungen und Rechtsgrundlage

Wie bei den anderen bundesweit anerkannten Fachzahnarzt-Titeln ist die zahnärztliche Approbation Voraussetzung, bevor die Weiterbildung beginnen kann. Rechtlich abgesichert ist der Titel über § 20 Abs. 3 der Musterberufsordnung der Bundeszahnärztekammer; Dauer und konkrete Inhalte regeln (wie üblich) die Landeszahnärztekammern in eigenen Weiterbildungsordnungen, orientiert an der Muster-Weiterbildungsordnung der BZÄK für das öffentliche Gesundheitswesen.

Dauer und Aufbau der Weiterbildung

In Nordrhein-Westfalen dauert die Weiterbildung 4 Jahre. Sie gliedert sich in insgesamt 44 Monate praktische Tätigkeit: 22 Monate in einer zahnärztlichen Praxis oder bei Bundeswehr beziehungsweise Bundespolizei sowie 22 Monate in Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens, etwa dem zahnärztlichen Dienst eines Gesundheitsamts. Hinzu kommt ein theoretischer Teil von mindestens 400 Unterrichtsstunden, der unter anderem Organisation und Management, Rechtsgrundlagen, Epidemiologie, Gesundheitsplanung, Prävention, Gutachtenwesen und Hygienemanagement umfasst (Quelle: akademie-oegw.de). In Hessen beträgt die fachspezifische Weiterbildungszeit nach einem vorgeschalteten allgemeinzahnärztlichen Jahr mindestens 3 Jahre, wovon die letzten beiden Jahre ohne Unterbrechung an einer Weiterbildungsstätte abzuleisten sind (Quelle: lzkh.de). Wie bei den anderen Fachrichtungen zeigt sich also: Die Gesamtdauer liegt bundesweit bei 3 bis 4 Jahren, die genaue Struktur unterscheidet sich aber zwischen den Kammern.

Wo findet die theoretische Ausbildung statt?

Den theoretischen Teil vermittelt die Akademie für öffentliches Gesundheitswesen mit Standorten in Düsseldorf und Berlin. Die praktischen Weiterbildungsstätten sind zahnärztliche Gesundheitsdienste unterer Gesundheitsbehörden, Landesgesundheitsbehörden oder Bundesgesundheitsbehörden, die von entsprechend qualifizierten Fachzahnärzt:innen geleitet werden.

Berufsverband und fachlicher Austausch

Berufspolitisch organisiert ist die Fachrichtung im Bundesverband der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BZÖG), der sich unter anderem für die bundesweite Vereinheitlichung der Weiterbildungsordnungen und für die Sichtbarkeit des Fachgebiets einsetzt. Denn anders als Kieferorthopädie oder Oralchirurgie fristet das öffentliche Gesundheitswesen im Studium und in der öffentlichen Wahrnehmung ein Nischendasein, obwohl der Bedarf an zahnärztlichem Nachwuchs im ÖGD seit Jahren als hoch gilt.

Warum diese Fachrichtung so wenig bekannt ist

Im Studium spielt das öffentliche Gesundheitswesen kaum eine sichtbare Rolle. Anders als Kieferorthopädie oder Oralchirurgie, mit denen angehende Zahnärzt:innen bereits während klinischer Kurse in Kontakt kommen, findet Prophylaxe- und Versorgungsarbeit auf Bevölkerungsebene im regulären Curriculum kaum statt. Viele Zahnärzt:innen entdecken den Fachbereich erst über eine Famulatur oder ein Praktikum bei einem Gesundheitsamt, gelegentlich auch über eine bewusste Neuorientierung nach mehreren Jahren in der kurativen Praxis, wenn der Wunsch nach mehr Planbarkeit und weniger unternehmerischem Risiko wächst. Der Bundesverband der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BZÖG) versucht deshalb gezielt, das Fachgebiet schon bei Studierenden bekannter zu machen, um dem spürbaren Nachwuchsmangel im ÖGD entgegenzuwirken.

Zusammenarbeit mit anderen Institutionen

Der Arbeitsalltag im öffentlichen Gesundheitswesen ist stark interdisziplinär geprägt: Fachzahnärzt:innen für ÖGW arbeiten eng mit Kinderärzt:innen, Schulen, Kitas und kommunalen Sozialämtern zusammen, um Präventionsprogramme zu planen und umzusetzen. Auch die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Zahnarztpraxen gehört zum Alltag, etwa wenn im Rahmen von Reihenuntersuchungen behandlungsbedürftige Befunde an die Hauszahnärztin oder den Hauszahnarzt der Kinder weitergegeben werden. Wer gerne im Team und mit unterschiedlichen Institutionen arbeitet, findet in diesem Fachgebiet ein deutlich kooperativeres Arbeitsumfeld als in der oft solitär organisierten niedergelassenen Praxis.

Wie sieht der Berufsalltag danach aus?

Nach der Weiterbildung arbeiten Fachzahnärzt:innen für öffentliches Gesundheitswesen meist bei Gesundheitsämtern auf Landkreis- oder Stadtebene, bei Landesgesundheitsbehörden oder in seltenen Fällen auf Bundesebene. Der Arbeitsalltag ist geprägt von Reihenuntersuchungen an Schulen, der Organisation von Prophylaxeprogrammen, gutachterlichen Aufgaben sowie Verwaltungstätigkeiten – ein deutlicher Kontrast zur kurativen Arbeit in einer klassischen Zahnarztpraxis. Wer sich bewusst gegen den Behandlungsstuhl und für strukturelle, planende Arbeit entscheidet, findet hier eines der planbarsten Arbeitsumfelder der Zahnmedizin, meist mit geregelten Arbeitszeiten und ohne unternehmerisches Risiko.

Gehalt im öffentlichen Dienst

Da Fachzahnärzt:innen im ÖGD überwiegend im öffentlichen Dienst angestellt sind, richtet sich die Vergütung nach dem TV-L beziehungsweise TVöD statt nach zahnärztlichen Honorarmodellen. Details zu den Eingruppierungen und Verdienstmöglichkeiten liefert der Artikel Gehalt im öffentlichen Dienst (Gesundheitsamt, Uni)

Fazit – ein planbarer Weg abseits der Praxis

Der Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen ist der unbekannteste unter den drei bundesweiten Fachzahnarzt-Titeln, aber ein vollwertiger Weg für alle, die sich für Prävention, Versorgungsplanung und strukturelle Arbeit statt für die tägliche Behandlung am Stuhl begeistern. Mit 3 bis 4 Jahren Weiterbildungszeit ist er zeitlich vergleichbar mit den anderen Fachzahnarzt-Wegen, führt aber in ein völlig anderes Arbeitsumfeld – mit geregelteren Strukturen, dafür ohne die unternehmerische Freiheit und die unmittelbare Behandlungsarbeit der niedergelassenen Praxis.

FAQs

Wie lange dauert die Weiterbildung zum Fachzahnarzt für öffentliches Gesundheitswesen?

Je nach Landeszahnärztekammer 3 bis 4 Jahre, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen 4 Jahre mit 44 Monaten praktischer Tätigkeit und mindestens 400 Stunden Theorie.

Wo arbeitet man nach der Weiterbildung?

Meist bei Gesundheitsämtern, Landesgesundheitsbehörden oder vereinzelt bei Bundesgesundheitsbehörden: zuständig für Gruppenprophylaxe, Gutachten, Versorgungsplanung und die fachliche Leitung zahnärztlicher Gesundheitsdienste.

Quellen

  • Akademie für öffentliches Gesundheitswesen (akademie-oegw.de): Fachzahnarzt/-ärztin für öffentliches Gesundheitswesen
  • Landeszahnärztekammer Hessen (lzkh.de): Weiterbildung öffentliches Gesundheitswesen
  • Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Muster-Weiterbildungsordnung öffentliches Gesundheitswesen, Musterberufsordnung § 20 Abs. 3
  • Bundesverband der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (bzoeg.de)
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