Fachzahnarzt & Weiterbildung

Fachzahnarzt Parodontologie: Ein Titel, zwei Kammern

Von Redaktion5 Min. Lesezeit
Zahnärztin mit korallfarbenen Handschuhen blickt durchs OP-Mikroskop auf ein Zahnfleischmodell – Fachzahnarzt Parodontologie: Ein Titel, zwei Kammern

Kieferorthopädie, Oralchirurgie und öffentliches Gesundheitswesen sind bundesweit anerkannte Fachzahnarzt-Titel – Parodontologie dagegen nicht. Wer sich zum Fachzahnarzt für Parodontologie weiterbilden lassen möchte, kann das derzeit nur in zwei von 17 Kammerbereichen: in Westfalen-Lippe, wo der Titel seit 1983 existiert, und seit 2024 auch in Rheinland-Pfalz. Für alle anderen bleibt Parodontologie ein Tätigkeitsschwerpunkt oder ein Fortbildungsziel, kein geschützter Titel.

Der Sonderfall Westfalen-Lippe

Als bislang einzige Landeszahnärztekammer führte die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe zum 1. Januar 1983 den Fachzahnarzt für Parodontologie ein (über 40 Jahre, bevor eine zweite Kammer nachzog). Die Weiterbildung umfasst nach der aktuellen Weiterbildungsordnung, die seit dem 1. Juli 2017 für Oralchirurgie und Parodontologie sowie seit dem 1. Januar 2018 auch für Kieferorthopädie gilt, mindestens 4 Jahre: ein allgemeinzahnärztliches Jahr plus drei fachspezifische Jahre (Quelle: Weiterbildungsordnung der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, Fassung ab Juli 2017). Inhaltlich deckt die Weiterbildung Prävention und Diagnostik, die Therapie parodontal erkrankter Patient:innen einschließlich Implantatpatient:innen, mukogingivale und plastische Parodontalchirurgie sowie die Nachsorge rehabilitierter Patient:innen ab. Zum Stand Ende 2023 zählte die Kammer 63 Fachzahnärztinnen und Fachzahnärzte für Parodontologie (Quelle: zm-online, „Spezialisten für besondere Fälle“, 2024), eine im Vergleich zu Kieferorthopädie (bundesweit 3.825) oder Oralchirurgie (3.910) sehr kleine Gruppe.

Rheinland-Pfalz zieht 2024 nach

Nach über 40 Jahren war Westfalen-Lippe lange die einzige Kammer mit diesem Titel. Das änderte sich, als die Vertreterversammlung der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz am 25. November 2023 eine neue Weiterbildungsordnung beschloss, die im Februar 2024 in Kraft trat und die Möglichkeit schafft, den Fachzahnarzt-Titel für Parodontologie zu erwerben. Auch hier beträgt die Hauptweiterbildungszeit 4 Jahre: ein verpflichtendes allgemeinzahnärztliches Jahr, gefolgt von einer dreijährigen fachspezifischen Weiterbildung an einer anerkannten Weiterbildungsstätte, abgeschlossen mit einer mündlichen Prüfung (Quelle: dgparo.de, „Ein Meilenstein für die Parodontologie in Deutschland“). Als erste und bislang einzige Einrichtung in Rheinland-Pfalz wurde die Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung der Universitätsmedizin Mainz als Weiterbildungsstätte anerkannt (Quelle: unimedizin-mainz.de).

Warum nur zwei Kammern?

Die Bundeszahnärztekammer steht einer weiteren Ausbreitung des Fachzahnarzt-Titels für Parodontologie (wie generell einer Ausweitung auf zusätzliche Fachgebiete) skeptisch gegenüber. In der Fachpresse wurde argumentiert, Zahnmedizin sei bereits selbst eine facharztähnliche Disziplin und eine zu starke Fragmentierung in immer mehr Teilgebiete („Facharzteritis“) berge das Risiko, dass die breite Grundversorgung durch Hauszahnärzt:innen geschwächt werde. Befürworter:innen der Fachzahnarzt-Lösung verweisen dagegen auf die wachsende Zahl komplexer parodontaler Fälle infolge des demografischen Wandels sowie auf den engen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, der eine strukturierte Spezialisierung rechtfertige (Quelle: zm-online, 2024). Ob und wann weitere Landeszahnärztekammern nachziehen, war zum Zeitpunkt der Recherche nicht verlässlich zu ermitteln.

Warum gerade diese beiden Kammern?

Ein klarer, öffentlich dokumentierter Grund für die konkrete Auswahl von Westfalen-Lippe im Jahr 1983 lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht rekonstruieren – die Einführung liegt über vier Jahrzehnte zurück. Für Rheinland-Pfalz lässt sich der Zusammenhang dagegen klarer nachvollziehen: Die Landeszahnärztekammer begründete die Einführung 2024 unter anderem mit der wachsenden fachlichen und wissenschaftlichen Bedeutung der Parodontologie, dem engen medizinischen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen sowie dem Wunsch, ein strukturiertes, an der Universitätsmedizin Mainz verankertes Weiterbildungsangebot zu schaffen. Beide Kammern betonen in ihrer Außendarstellung, dass die neue Fachrichtung keine Konkurrenz zur allgemeinzahnärztlichen Versorgung darstelle, sondern komplexe Fälle bündeln solle, die sonst über weite Strecken an Überweiserpraxen mit informellem Tätigkeitsschwerpunkt verteilt würden.

Was, wenn die eigene Kammer keinen Fachzahnarzt-Titel vorsieht?

Für die überwiegende Mehrheit der Zahnärzt:innen in Deutschland bleibt Parodontologie ohne Fachzahnarzt-Titel. Wer sich trotzdem fachlich vertiefen möchte, hat mehrere Alternativen: das Curriculum Parodontologie von APW und DG PARO, das nach rund 130 Unterrichtsstunden über mehrere Wochenendmodule zum „DG-PARO-Spezialisten“ führen kann, oder den berufsbegleitenden DG-PARO-Master mit akademischem M.Sc.-Abschluss. Beide vermitteln fundiertes Fachwissen, sind aber rechtlich keine Fachzahnarzt-Titel und dürfen entsprechend auch nicht so beworben werden. Einen Überblick über diese Alternativen liefern die Artikel Curricula: strukturierte Fortbildung ohne Fachzahnarzt-Titel und Masterstudiengänge für Zahnärzte im Überblick. Was sich Zahnärzt:innen ohne Fachzahnarzt-Titel öffentlich nennen dürfen, erklärt der Artikel Tätigkeitsschwerpunkt, Spezialist, Fachzahnarzt: Wer darf sich was nennen?

Was das für die Standortwahl bedeutet

Wer sich fest vorgenommen hat, den Fachzahnarzt-Titel Parodontologie zu erwerben, muss die Standortwahl für die Weiterbildung entsprechend danach ausrichten – anders als bei Kieferorthopädie oder Oralchirurgie, wo praktisch jeder Kammerbereich eine Weiterbildung anbietet, kommen hier faktisch nur zwei Regionen infrage. Das kann bedeuten, für die Dauer der Weiterbildung den Wohnort zu wechseln, was bei der Lebensplanung deutlich stärker berücksichtigt werden muss als bei den bundesweit verfügbaren Fachrichtungen. Wer nicht umziehen kann oder möchte, sollte frühzeitig auf die Alternativen über Curriculum oder Master ausweichen.

Der Berufsalltag als Parodontologie-Spezialist:in

Unabhängig vom formalen Titel dreht sich die Arbeit um die Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen des Zahnhalteapparats: von der nicht-chirurgischen Parodontitistherapie über regenerative und resektive Parodontalchirurgie bis zur langfristigen unterstützenden Parodontitistherapie (Recall). Eine ausführliche Beschreibung des Tätigkeitsfelds bietet der Artikel Was macht ein Parodontologe?

Fazit: Ein Titel im Aufbau

Parodontologie ist der seltenste unter den zahnärztlichen Fachzahnarzt-Titeln in Deutschland – über vier Jahrzehnte lang war Westfalen-Lippe die einzige Kammer, die ihn vergab, seit 2024 kommt Rheinland-Pfalz hinzu. Für die meisten angehenden Spezialist:innen führt der Weg deshalb weiterhin über Curricula und Masterstudiengänge statt über einen geschützten Fachzahnarzt-Titel. Wer sich für diesen Bereich begeistert, sollte deshalb zunächst prüfen, ob die eigene oder eine erreichbare Landeszahnärztekammer den Titel überhaupt anbietet, und andernfalls die Alternativen realistisch einplanen.

Quellen

  • Weiterbildungsordnung der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, Fassung ab 1. Juli 2017 (zwp-online.info)
  • DG PARO: „Ein Meilenstein für die Parodontologie in Deutschland“ (dgparo.de), zur Einführung des Fachzahnarzt-Titels in Rheinland-Pfalz
  • Universitätsmedizin Mainz: Anerkennung als Weiterbildungsstätte Parodontologie (unimedizin-mainz.de)
  • zm-online: „Spezialisten für besondere Fälle“, Ausgabe 2024-06
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