Wenn Zahnmedizinstudierende vom „Physikum“ reden, meinen sie fast immer dasselbe wie Medizinstudierende: die erste große Prüfungshürde nach den Grundlagensemestern. Nur dass es dieses Wort im aktuellen Gesetzestext gar nicht mehr gibt. Offiziell heißt das, was Du nach dem vierten Semester ablegst, Erster Abschnitt der Zahnärztlichen Prüfung, ein Begriff, der sperriger klingt, aber genauer beschreibt, worum es geht.
Heißt es überhaupt noch „Physikum“?
Rechtlich nein. Die Approbationsordnung für Zahnärzte und Zahnärztinnen (ZApprO) kennt seit ihrer Reform keine „zahnärztliche Vorprüfung“ mehr, wie sie unter der alten Approbationsordnung von 1955 existierte und dort umgangssprachlich Physikum hieß. Stattdessen ist die gesamte Zahnärztliche Prüfung in drei Abschnitte gegliedert, von denen der erste zeitlich und inhaltlich am ehesten dem entspricht, was früher Physikum war. Der Name „Physikum“ hat sich unter Studierenden trotzdem gehalten – vermutlich auch, weil er kürzer und vertrauter klingt als „Erster Abschnitt der Zahnärztlichen Prüfung“. Nachfolgend sind beide Bezeichnungen gemeint, wenn von dieser Prüfung die Rede ist.
Wann und wie der Erste Abschnitt stattfindet
Laut § 28 ZApprO kann der Erste Abschnitt frühestens am Ende des vierten Fachsemesters abgelegt werden, exakt der Zeitpunkt, zu dem in der alten Ordnung ebenfalls die Vorklinik endete. Anders als das Staatsexamen am Studienende ist der Erste Abschnitt ausschließlich eine mündliche Prüfung. Wer bereits das Physikum der Humanmedizin bestanden hat, etwa nach einem Wechsel vom Medizin- ins Zahnmedizinstudium, muss laut § 29 ZApprO nur noch im Fach Zahnmedizinische Propädeutik mündlich geprüft werden – die übrigen Fächergruppen gelten dann als abgedeckt.
Diese vollständig mündliche Form unterscheidet den zahnmedizinischen Ersten Abschnitt deutlich vom Physikum der Humanmedizin, das zusätzlich einen umfangreichen schriftlichen Multiple-Choice-Teil mit hunderten Fragen umfasst. Für Dich bedeutet das: Die Vorbereitung verschiebt sich stärker in Richtung freies Erklären und Argumentieren, statt allein Ankreuzwissen zu trainieren. Wer sich auf Prüfungsgespräche gut vorbereiten will, übt deshalb idealerweise nicht nur mit Karteikarten, sondern auch im lauten Erklären gegenüber Kommiliton:innen.
Die vier Fächergruppen im Detail
Nach § 32 ZApprO gliedert sich der Erste Abschnitt in vier separate Prüfungsgespräche, für die jeweils 20 bis 30 Minuten pro Person angesetzt sind:
- Biochemie und Molekularbiologie, Chemie: naturwissenschaftliche Grundlagen mit Bezug zu zahnmedizinischen Prozessen
- Mikroskopische und makroskopische Anatomie, Biologie: Aufbau und Struktur des Körpers, insbesondere des Kopf-Hals-Bereichs
- Physiologie, Physik: Funktionsweise des Organismus und physikalische Grundlagen zahnmedizinischer Technik
- Zahnmedizinische Propädeutik: Einführung in zahnmedizinisches Denken, Arbeiten und die Grundlagen der Behandlung
Diese vier Fächergruppen fassen zusammen, was Du in den Semestern zuvor gelernt hast: von naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern bis zu den ersten praktischen Kursen wie TPK: Der Kurs der technischen Propädeutik und Der Phantomkurs, auf die die Zahnmedizinische Propädeutik direkt Bezug nimmt.
Wie die Prüfung abläuft
Anders als bei einer klassischen schriftlichen Klausur sitzt Dir in jedem der vier Prüfungsgespräche eine Prüfungskommission gegenüber, die Dein Verständnis der jeweiligen Grundlagen und deren klinische Relevanz abfragt. Es reicht also nicht, Fakten auswendig zu können – gefragt ist, ob Du Zusammenhänge erklären und auf zahnmedizinische Fragestellungen übertragen kannst. Wie stark sich Studieninhalte der einzelnen Universitäten in der Vorbereitung darauf unterscheiden können, zeigt ein Blick in Die Vorklinik im Zahnmedizinstudium.
Weil jede Fächergruppe einzeln geprüft wird, bekommst Du auch vier separate Ergebnisse zurückgemeldet, statt einer einzigen Gesamtnote nach einem einzigen Prüfungstag. Das hat einen praktischen Vorteil: Eine schwächere Leistung in einer Fächergruppe lässt sich nicht durch eine besonders starke Leistung in einer anderen Gruppe ausgleichen: Du musst jede der vier Gruppen für sich bestehen. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass eine einmal bestandene Gruppe sicher „im Kasten“ ist, unabhängig davon, wie die übrigen Prüfungsgespräche verlaufen.
Bestehen, Durchfallen, Wiederholen
Für jede der vier Fächergruppen gilt laut § 38 ZApprO: Bestehst Du eine Gruppe nicht, darfst Du sie bis zu zweimal wiederholen. Erst wenn eine Fächergruppe auch nach diesen Wiederholungen nicht bestanden ist, gilt der gesamte Erste Abschnitt als endgültig nicht bestanden – und zwar ohne Möglichkeit auf einen erneuten Versuch, selbst wenn Du das Studium der Zahnmedizin neu beginnen würdest. Umgekehrt gilt: Eine einmal bestandene Fächergruppe musst und darfst Du nicht erneut ablegen, auch wenn andere Gruppen noch offen sind.
Diese Regelung setzt einen klaren Anreiz, jede Fächergruppe ernst zu nehmen, statt auf eine mögliche Ausgleichswirkung zwischen den Themen zu hoffen. Wer merkt, dass eine bestimmte Fächergruppe (etwa Physik oder Biochemie) besonders wackelig sitzt, sollte gezielt dort nacharbeiten, statt die verbleibende Vorbereitungszeit gleichmäßig auf alle vier Gruppen zu verteilen.
Was danach kommt
Erst nach bestandenem Ersten Abschnitt darfst Du die seit der neuen ZApprO verpflichtende Famulatur antreten, wie Die Famulatur im Zahnmedizinstudium beschreibt. Und erst danach beginnt die Zeit bis zum Zweiten Abschnitt der Zahnärztlichen Prüfung, in der sich der Fokus spürbar in Richtung Behandlung am echten Patienten verschiebt, nachzulesen in Der klinische Abschnitt. Der Erste Abschnitt ist damit weniger ein Schlusspunkt als ein Türöffner: Er entscheidet, ob Du in die Phase des Studiums vorrücken darfst, in der es nicht mehr nur um Grundlagenwissen, sondern um echte Patientenversorgung geht.
Emotional wiegt der Erste Abschnitt für viele deshalb ähnlich schwer wie das Physikum in der Humanmedizin, obwohl das Prüfungsformat ein ganz anderes ist: Vier mündliche Gespräche innerhalb kurzer Zeit erzeugen einen eigenen, sehr direkten Prüfungsdruck, weil Unsicherheit sofort sichtbar wird und sich nicht hinter angekreuzten Antworten verstecken lässt. Wer sich das bewusst macht und die Prüfungssituation selbst schon vorab übt – etwa in simulierten Prüfungsgesprächen mit älteren Semestern –, geht deutlich gelassener in die eigentliche Prüfung.

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