Zahnarztberuf & Karrierewege

Landzahnarzt: Chance oder Sackgasse?

Von Redaktion4 Min. Lesezeit
Zahnarztpraxis mit Blick auf ländliche Felder – Landzahnarzt: Chance oder Sackgasse?

Während sich in Großstädten Zahnarztpraxen teils dicht an dicht drängen, wird es in vielen ländlichen Regionen zunehmend eng, allerdings andersherum: Es fehlt an Nachwuchs. Wer über eine Niederlassung oder Anstellung außerhalb der Stadt nachdenkt, trifft auf ein Berufsumfeld, das sich in den vergangenen Jahren spürbar gewandelt hat: von der klassischen „letzten Wahl“ hin zu einer gezielt geförderten Option mit eigenen Zulassungsquoten und finanziellen Anreizen.

Wo genau wird es eng?

Eine flächendeckende, bundesweite Unterversorgung mit Zahnärzt:innen gibt es aktuell nicht: die Versorgungslage unterscheidet sich stark je nach Region. Besonders deutlich zeigt sich der Wandel in den ostdeutschen Bundesländern: Laut Kassenzahnärztlicher Vereinigung Sachsen-Anhalt gibt es dort derzeit landesweit keine statistische Unterversorgung, die Lage spitzt sich aber zunehmend zu. Nach Angaben der KZV Sachsen-Anhalt leben mittlerweile über 500.000 Menschen im Bundesland ohne einen Zahnarzt in erreichbarer Nähe. Ähnliche Entwicklungen zeichnen sich in strukturschwachen, dünn besiedelten Regionen anderer Bundesländer ab: meist dort, wo niedergelassene Zahnärzt:innen altersbedingt aufhören und sich keine Nachfolge findet.

Die Landzahnarztquote: ein neues Zulassungsmodell

Als Reaktion darauf hat Sachsen-Anhalt als erstes Bundesland eine sogenannte Landzahnarztquote eingeführt. Seit dem Wintersemester 2025/26 können bis zu 10,1 Prozent der Studienplätze für Zahnmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über dieses Sonderverfahren vergeben werden, Grundlage ist das Landzahnarztgesetz Sachsen-Anhalt (LZAG LSA). Bei der Auswahl zählt nicht in erster Linie die Abiturnote, sondern praktische Erfahrung, fachbezogene Eignung und die Motivation, später tatsächlich in der Region zu arbeiten. Im Gegenzug verpflichten sich die aufgenommenen Studierenden, nach dem Studium mindestens zehn Jahre in einer Region Sachsen-Anhalts mit besonderem Versorgungsbedarf zu arbeiten. Wer sich für den regulären Zulassungsweg über hochschulstart interessiert, findet die Grundlagen im Artikel zum NC in der Zahnmedizin.

Stipendien als zweiter Baustein

Neben der Landzahnarztquote setzt die KZV Sachsen-Anhalt auf ein bundesweit einzigartiges Stipendienprogramm für ein Zahnmedizinstudium im ungarischen Pécs: Bis zu zwölf Studierende jährlich erhalten dort ein Stipendium für ein auf Deutsch unterrichtetes, in Deutschland voll anerkanntes Studium. Im Gegenzug verpflichten sich die Absolvent:innen zu fünf Jahren zahnärztlicher Tätigkeit in Sachsen-Anhalt. Solche Programme zeigen: Die klassische Wartezeit-Logik (erst Zulassung über NC oder Wartesemester, dann irgendwann eine Praxis irgendwo) wird zunehmend durch gezielte, regional gebundene Förderwege ergänzt.

Förderung für Praxisgründung und -übernahme

Auch nach dem Studium gibt es finanzielle Unterstützung für die Niederlassung im ländlichen Raum. In Thüringen etwa fördert der Freistaat laut Förderdatenbank des Bundes Investitionen für Neugründungen oder Übernahmen von Zahnarztpraxen im ländlichen Raum sowie Maßnahmen zur Barrierefreiheit. Ähnliche, regional unterschiedlich ausgestaltete Programme existieren in mehreren Bundesländern über die jeweilige Kassenzahnärztliche Vereinigung. Da sich Förderhöhe, Voraussetzungen und Verfügbarkeit von Bundesland zu Bundesland und von Jahr zu Jahr unterscheiden, lohnt sich vor einer konkreten Standortentscheidung immer der direkte Blick in die Förderdatenbank des Bundes oder die Rückfrage bei der zuständigen KZV. Wer sich grundsätzlich mit den Kosten und Fördermöglichkeiten einer Niederlassung beschäftigt, findet ergänzende Informationen im Artikel Eigene Zahnarztpraxis gründen.

Weitere Bundesländer ziehen nach

Sachsen-Anhalt war mit seiner Landzahnarztquote bundesweit Vorreiter, das Grundprinzip (Studienplätze gegen eine mehrjährige Verpflichtung in unterversorgten Regionen zu vergeben) ist inzwischen aber auch in anderen ostdeutschen Bundesländern in der politischen Diskussion, teils orientiert am bereits länger etablierten Modell der Landarztquote in der Humanmedizin. Wie weit einzelne Bundesländer bei der Umsetzung eigener Landzahnarzt-Programme tatsächlich sind, unterscheidet sich von Jahr zu Jahr erheblich, weshalb sich vor einer konkreten Bewerbung immer der aktuelle Stand bei der jeweiligen Landeszahnärztekammer oder KZV nachprüfen lässt.

Übernahme statt Neugründung: oft der einfachere Einstieg

Auf dem Land ergibt sich häufig eine Konstellation, die es in der Stadt seltener gibt: eine bestehende Praxis mit gewachsenem Patientenstamm, deren Inhaber:in in den Ruhestand geht und händeringend eine Nachfolge sucht. Für Berufseinsteiger:innen kann das ein erheblicher Vorteil sein: Patientenstamm, Personal und oft auch die Praxisausstattung sind bereits vorhanden, was das unternehmerische Risiko gegenüber einer Neugründung reduziert. Die Unterschiede zwischen beiden Wegen und worauf bei einer Übernahme besonders zu achten ist, beleuchtet der Artikel Praxisübernahme oder Neugründung? ausführlicher.

Wirtschaftliche Argumente für das Land

Neben der Verfügbarkeit von Praxen spricht auch die wirtschaftliche Seite oft für den ländlichen Raum: geringere Mieten, weniger Konkurrenzdruck durch andere Praxen im Umkreis und teils sogar überdurchschnittliche Gehälter, weil Umsatzbeteiligungen dort häufiger und großzügiger ausfallen als in Großstädten mit dichtem Praxisnetz. Wie sich das Gehaltsniveau regional unterscheidet, zeigt der Artikel Zahnarzt-Gehalt nach Bundesland im Detail.

Die andere Seite: was auf dem Land fehlen kann

Wer vom Stadtleben aufs Land wechselt, sollte auch die Kehrseite ehrlich einordnen: weniger fachlicher Austausch mit vielen Kolleg:innen in unmittelbarer Nähe, teils längere Wege zu Fortbildungen oder spezialisierten Überweiserpraxen, und für manche schlicht ein anderes Lebensgefühl abseits urbaner Infrastruktur. Wer diese Punkte vorher realistisch für sich abwägt, statt sie zu unterschätzen, trifft eine belastbarere Entscheidung als jemand, der die Landpraxis nur als finanzielles Kalkül sieht.

Fazit – vom Notnagel zur echten Chance

Der Landzahnarzt ist heute kein Auslaufmodell mehr, sondern eine aktiv geförderte, in einzelnen Regionen sogar gezielt beworbene Karriereoption. Zulassungsquoten, Stipendien und Existenzgründungsförderungen machen den Einstieg finanziell attraktiver als früher, während der geringere Konkurrenzdruck und oft übernahmefähige Praxen praktische Vorteile bieten. Wer offen für ein Leben abseits der Großstadt ist, findet auf dem Land nicht die Sackgasse, die der Beruf früher hatte, sondern häufig den planbareren, wirtschaftlich soliden Weg in die eigene Praxis.

Quellen

  • KZV Sachsen-Anhalt: Landzahnarztquote Sachsen-Anhalt, Pressemitteilung „Über 500.000 Menschen in Sachsen-Anhalt ohne Zahnarzt“
  • zm-online: Berichterstattung zur Landzahnarztquote und zum Landzahnarztgesetz Sachsen-Anhalt
  • Förderdatenbank des Bundes: Förderprogramm Niederlassung von Zahnärztinnen und Zahnärzten im ländlichen Raum (Thüringen)
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