Nicht jeder Weg nach dem Staatsexamen führt in die Praxis. Wer an der Universität bleiben möchte, um zu forschen und zu lehren, schlägt eine Karriere ein, die mit klinischer Arbeit an der Uniklinik beginnt und im besten Fall in einer Professur endet. Anders als der Weg in die eigene Praxis ist diese Laufbahn deutlich weniger standardisiert – und deutlich länger.
Der Einstieg: Promotion parallel zur klinischen Ausbildung
Der erste Schritt in Richtung Wissenschaft fällt für die meisten Zahnärzt:innen schon während oder kurz nach dem Studium: die Promotion zum Dr. med. dent. Anders als in vielen anderen Fächern läuft die Doktorarbeit in der Zahnmedizin häufig studienbegleitend, oft an einer Universitätszahnklinik und mit klinischem oder experimentellem Bezug. Wer sich für die genauen Abläufe einer zahnmedizinischen Promotion interessiert, findet mehr im Artikel Promotion: Der Dr. med. dent..
Wer nach der Promotion in der Wissenschaft bleiben möchte, wird in der Regel wissenschaftliche:r Mitarbeiter:in an einer Universitätszahnklinik, eine Position, die drei Aufgabenfelder gleichzeitig verbindet: Forschung, akademische Lehre für Studierende und klinische Tätigkeit in der Patientenversorgung. Diese Stellen sind meist befristet und verlangen ein hohes Maß an Eigenorganisation, weil neben der eigenen Forschung auch die Weiterbildung zum Facharzt beziehungsweise Fachzahnarzt oder die klinische Routinearbeit weiterläuft.
Der nächste Meilenstein: Habilitation oder Juniorprofessur
Der klassische Weg zur Professur führt über die Habilitation: den formalen Nachweis der Lehrbefähigung, der in Deutschland traditionell Voraussetzung für viele Berufungsverfahren ist. Sie verlangt in der Regel mehrere Jahre eigenständige Forschung mit einer eigenen Publikationsleiste, die über die Promotion deutlich hinausgeht, und endet mit einem Habilitationsvortrag sowie -kolloquium vor der Fakultät. Wer erfolgreich habilitiert, trägt anschließend den Titel Privatdozent:in (PD Dr.).
Als Alternative zum klassischen Habilitationsweg hat sich in den vergangenen Jahren die Juniorprofessur (W1) etabliert, oft mit Tenure-Track-Option: Wer die vereinbarten Leistungskriterien erfüllt, wird nach einigen Jahren automatisch auf eine unbefristete Professur berufen, ohne den formalen Habilitationsweg durchlaufen zu müssen. Beide Wege verlangen neben wissenschaftlicher Exzellenz auch eingeworbene Drittmittel, etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sowie eine sichtbare Publikationstätigkeit in referierten Fachzeitschriften.
Die Professur: W2 oder W3
Am Ende dieses Weges steht im besten Fall die Berufung auf eine Professur, in der Regel verbunden mit der Leitung einer Abteilung oder Poliklinik an einer Universitätszahnklinik. Professuren werden seit der Umstellung vom alten C-System nach der Besoldungsordnung W vergütet, mit den Stufen W1 (Juniorprofessur), W2 (reguläre Professur) und W3 (meist Lehrstuhlinhaber:innen und Klinikdirektor:innen). Die genauen Gehälter unterscheiden sich seit der Föderalismusreform deutlich zwischen den Bundesländern und setzen sich aus einem festen Grundgehalt sowie individuell verhandelten Leistungsbezügen zusammen. Wer eine leitende Position an einer Uniklinik übernimmt, kann zusätzlich über klinische Zulagen oder eine Beteiligung an den Erlösen aus der Behandlung von Privatpatient:innen verdienen. Die genauen Zahlen dazu, aufgeschlüsselt nach Bundesland und Besoldungsstufe, liefert der Artikel Was verdient ein Professor für Zahnmedizin?.
Forschung und Lehre im Alltag
Der akademische Alltag unterscheidet sich deutlich vom Alltag in einer niedergelassenen Praxis. Neben der klinischen Behandlung (meist mit einem Schwerpunkt auf komplexen Fällen, die in normalen Praxen nicht versorgt werden können) gehören Lehrveranstaltungen für Studierende, die Betreuung von Doktorand:innen, das Verfassen und Begutachten von Fachpublikationen sowie die Beantragung von Forschungsmitteln zum Kerngeschäft. Wissenschaftliche Konferenzen, internationale Kooperationen und die Mitarbeit in Fachgesellschaften kommen mit steigender Seniorität hinzu. Wer klinisches Handwerk und wissenschaftliches Arbeiten gleichermaßen mag, findet hier eine Kombination, die in der reinen Praxistätigkeit fehlt – wer dagegen vor allem behandeln möchte, ohne Publikationsdruck und Lehrverpflichtungen, ist in der niedergelassenen Praxis oder Anstellung besser aufgehoben.
Wie lange dauert der Weg zur Professur?
Realistisch vergehen zwischen Promotion und einer ersten Professur oft fünf bis zehn Jahre intensiver wissenschaftlicher Arbeit, häufig kombiniert mit der klinischen Facharzt- beziehungsweise Fachzahnarzt-Weiterbildung. Das ist deutlich länger als der Weg über die Assistenzzeit in die eigene Praxis oder Anstellung, der nach den zwei Pflichtjahren der Vorbereitungszeit bereits abgeschlossen ist. Wer sich für den gesamten Karriereweg vom Studium bis zur Niederlassung interessiert, findet den Überblick im Artikel Wie wird man Zahnarzt? Der komplette Weg.
Wissenschaft und Klinik verbinden
Eine akademische Karriere schließt die klinische Praxis nicht aus – im Gegenteil, gerade in der Zahnmedizin ist die Verbindung von Forschung und direkter Patientenversorgung an der Uniklinik oft der eigentliche Reiz dieses Weges. Wer sich zusätzlich für eine strukturierte fachliche Vertiefung interessiert, kann Wissenschaft mit einer Fachzahnarzt-Weiterbildung kombinieren (ein Überblick dazu findet sich im Artikel Fachzahnarzt werden: alle Weiterbildungen im Überblick).
Nicht jede wissenschaftliche Karriere endet in der Professur
Der Weg über Habilitation und Berufung ist die klassische, aber nicht die einzige Form wissenschaftlicher Tätigkeit in der Zahnmedizin. Viele promovierte Zahnärzt:innen bleiben über Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiter:innen an der Uniklinik tätig, ohne eine Professur anzustreben: etwa, weil ihnen die Kombination aus klinischer Arbeit, gelegentlicher Lehre und punktueller Forschung genügt, ohne den zusätzlichen Aufwand einer Habilitation auf sich zu nehmen. Andere wechseln nach einigen Jahren an der Uniklinik in die Industrie, etwa in die klinische Forschung von Dentalunternehmen oder in die Entwicklung neuer Materialien und Verfahren, und bringen ihre wissenschaftliche Erfahrung dort in einem anderen Rahmen ein, mit planbareren Arbeitszeiten und meist deutlich höherer Vergütung als an der Universität, aber ohne die akademische Freiheit eigener Forschungsfragen.
Drittmittel als ständige Begleitaufgabe
Was in der Außendarstellung oft unterschätzt wird: Ein großer Teil wissenschaftlicher Arbeit an der Universität besteht nicht aus Laborarbeit oder Publikationen, sondern aus der Einwerbung von Forschungsmitteln. Ob Deutsche Forschungsgemeinschaft, Bundesministerien oder private Stiftungen: ohne eingeworbene Drittmittel lassen sich weder eigene Mitarbeiter:innen finanzieren noch aufwendigere Studien durchführen. Diese Antragsarbeit läuft parallel zu klinischer Tätigkeit und Lehre und wird mit steigender wissenschaftlicher Seniorität eher mehr als weniger, weil größere Projekte in der Regel auch größere Antragsvolumina voraussetzen. Wer sich für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, sollte diesen administrativen Anteil von Beginn an einkalkulieren, statt ihn als lästiges Beiwerk misszuverstehen.
Fazit – ein langer Weg mit eigenem Reiz
Die wissenschaftliche Karriere in der Zahnmedizin ist der mit Abstand langwierigste, aber auch vielseitigste Weg nach dem Staatsexamen: Sie verbindet klinische Arbeit mit Forschung, Lehre und (am Ende) oft mit einer leitenden Position an einer Universitätsklinik. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte weniger nach schnellem finanziellem Aufstieg fragen als nach echtem Interesse an wissenschaftlicher Arbeit, denn Publikationsdruck, befristete Stellen und ein langer Zeitraum bis zur ersten Professur gehören unweigerlich dazu. Wer diese Bedingungen akzeptiert, findet in der akademischen Zahnmedizin aber eine Karriere, die weit über das hinausgeht, was die reine Praxistätigkeit bieten kann.

Redaktion
Die Redaktion von zahnmedizinstudium.eu recherchiert und verfasst alle Ratgeber-Artikel und Universitätsprofile auf dieser Seite – unabhängig und mit besonderem Blick auf Zulassung, Studieninhalte und Karrierewege in der Zahnmedizin.
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