„Was verdient man eigentlich mit eigener Praxis?“ ist eine der Fragen, bei denen die Antwort komplizierter ist, als es zunächst scheint. Anders als bei einer Festanstellung steht am Ende keine einzelne Gehaltszahl auf dem Konto, sondern eine betriebswirtschaftliche Rechnung aus Einnahmen, Ausgaben und dem, was davon übrig bleibt: dem sogenannten Reinertrag. Und der ist, das vorweg, nicht dasselbe wie das, was am Ende netto zum Leben zur Verfügung steht.
Einnahmen, Ausgaben, Reinertrag: die Grundrechnung
Laut der Kostenstrukturerhebung des Statistischen Bundesamts erzielte eine durchschnittliche Zahnarztpraxis im Jahr 2021 Einnahmen von 791.000 Euro. Dem standen Aufwendungen von 510.000 Euro gegenüber: Personal, Material, Labor, Miete, Geräte, Fortbildung und vieles mehr. Übrig blieb daraus ein Reinertrag von 281.000 Euro je Praxis. Das Zahnärzte-Praxis-Panel, auf dem auch das KZBV-Jahrbuch aufbaut, kommt für das Wirtschaftsjahr 2023 zu ähnlicher Größenordnung: Im arithmetischen Mittel lagen die Einnahmen bei 894.000 Euro, die Aufwendungen bei 610.000 Euro und der Reinertrag bei 284.000 Euro je Praxis. Der Median (also der Wert, bei dem die Hälfte aller Praxen darüber und die Hälfte darunter liegt) fällt mit 214.000 Euro deutlich niedriger aus, weil einzelne sehr umsatzstarke Praxen den Durchschnitt nach oben ziehen.
Warum Reinertrag nicht gleich Nettoeinkommen ist
Der Reinertrag ist eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, keine Angabe darüber, was am Ende privat verfügbar ist. Aus diesem Betrag müssen Praxisinhaber:innen noch einiges selbst bestreiten: die eigene Altersvorsorge über das Versorgungswerk, Kranken- und Berufshaftpflichtversicherung, oft auch die Tilgung von Krediten für die Praxisgründung oder -übernahme, und natürlich die Einkommensteuer. Erst danach steht das tatsächliche Nettoeinkommen fest, und das liegt spürbar unter dem ausgewiesenen Reinertrag. Wichtig ist außerdem: In einer Berufsausübungsgemeinschaft mit mehreren Praxisinhaber:innen wird der Reinertrag geteilt, meist entsprechend dem jeweiligen Gesellschaftsanteil. Der Reinertrag „je Praxis“ ist deshalb nicht automatisch das, was eine einzelne Person am Ende erhält.
Einzelpraxis oder Berufsausübungsgemeinschaft?
Die Praxisform beeinflusst die Zahlen erheblich. Nach älteren, aber nach wie vor häufig zitierten Daten des Statistischen Bundesamts erzielten Einzelpraxen im Schnitt Einnahmen von rund 495.000 Euro, während Berufsausübungsgemeinschaften auf durchschnittlich 1.007.000 Euro kamen: umgerechnet auf die einzelnen Inhaber:innen aber „nur“ rund 469.000 Euro. Eine Einzelpraxis erwirtschaftet also insgesamt weniger, dafür fließt der komplette Reinertrag an eine einzige Person. In einer BAG ist der Gesamtumsatz höher, aber er verteilt sich auch auf mehr Schultern. Welche Form sich mehr lohnt, hängt stark von den individuellen Kostenstrukturen, dem Patientenstamm und nicht zuletzt vom Investitionsbedarf ab, mehr dazu im Artikel Praxisübernahme oder Neugründung?
Was den Reinertrag einer Praxis am stärksten beeinflusst
Mehrere Faktoren entscheiden darüber, ob eine Praxis eher am unteren oder oberen Ende der Bandbreite liegt:
- Patientenstruktur: ein höherer Anteil an privat abgerechneten Leistungen wirkt sich meist deutlich positiv auf den Reinertrag aus.
- Leistungsspektrum: Praxen mit Fokus auf Implantologie, Ästhetik oder hochwertigem Zahnersatz erzielen oft höhere Honorare als reine Kassenpraxen.
- Standort: Lage und lokale Konkurrenzsituation beeinflussen sowohl die erzielbaren Preise als auch die Patientenzahl.
- Praxisgröße und Personal: mehr Behandlungszimmer und angestellte Zahnärzt:innen können den Umsatz steigern, erhöhen aber auch die Fixkosten spürbar.
- Kostenmanagement: Material-, Labor- und Personalkosten sind die größten Ausgabenposten und entscheiden oft direkt über die Höhe des Reinertrags.
Wie hoch ist das unternehmerische Risiko?
Anders als beim Angestelltenverhältnis trägt man mit eigener Praxis das volle unternehmerische Risiko selbst. Sinken die Patientenzahlen oder steigen Material- und Personalkosten stärker als die Einnahmen, sinkt der Reinertrag unmittelbar, ein Effekt, der sich in den vergangenen Jahren durch Inflation bei Material- und Laborkosten sowie steigende Personalkosten bereits gezeigt hat: In mehreren Erhebungsjahren wuchsen die Aufwendungen schneller als die Einnahmen. Hinzu kommt die anfängliche Investition für Gründung oder Übernahme, die sich erst über Jahre amortisiert. Wer diesen Weg einschlägt, sollte sich vorher gründlich mit den Kosten einer eigenen Praxisgründung auseinandersetzen.
Warum der Median oft ehrlicher ist als der Durchschnitt
Statistiken zu Praxiseinkommen arbeiten fast immer mit zwei Kennzahlen: dem arithmetischen Mittel und dem Median. Für das Wirtschaftsjahr 2023 liegt der mittlere Reinertrag laut Zahnärzte-Praxis-Panel bei 284.000 Euro je Praxis, der Median dagegen bei 214.000 Euro, ein Unterschied von 70.000 Euro. Das liegt daran, dass eine kleine Zahl außergewöhnlich umsatzstarker Praxen, etwa mit stark privat ausgerichtetem Leistungsspektrum oder mehreren Standorten, den Durchschnitt nach oben verzerrt. Für die realistische Einschätzung der eigenen Verdienstmöglichkeiten ist der Median deshalb oft die ehrlichere Zahl: Die Hälfte aller Praxen liegt darunter, die Hälfte darüber: wer eine durchschnittliche Praxis mit durchschnittlichem Patientenstamm führt, sollte sich eher am Median als am arithmetischen Mittel orientieren.
Wie sich Praxiswerte über die Jahre entwickelt haben
Ein Blick auf mehrere Erhebungsjahre zeigt, dass Einnahmen und Ausgaben von Zahnarztpraxen nicht immer im Gleichschritt wachsen. In manchen Jahren stiegen die Aufwendungen (etwa durch teurere Materialien, höhere Laborkosten oder gestiegene Personalkosten infolge des Fachkräftemangels bei ZFA) deutlich stärker als die Einnahmen, was den Reinertrag trotz wachsender Umsätze schrumpfen ließ. Für angehende Praxisinhaber:innen bedeutet das: Eine Praxis wirtschaftlich zu führen heißt nicht nur, möglichst viele Patient:innen zu behandeln, sondern auch, die Kostenseite aktiv im Blick zu behalten. Wer sich für die Details der Kostenstruktur interessiert, findet ergänzend Informationen im Artikel Eigene Zahnarztpraxis gründen.
Fazit – attraktiv, aber kein Selbstläufer
Mit einem durchschnittlichen Reinertrag von rund 280.000 Euro je Praxis liegt das Einkommenspotenzial einer eigenen Zahnarztpraxis deutlich über dem, was auch gut bezahlte angestellte Zahnärzt:innen erreichen. Doch dieser Betrag ist ein betriebswirtschaftlicher Bruttowert vor Vorsorge, Versicherungen und Steuern, und in Gemeinschaftspraxen wird er zusätzlich geteilt. Wer sich niederlässt, tauscht ein planbares Gehalt gegen unternehmerisches Risiko und oft jahrelange Kreditbindung. Für alle, die bereit sind, dieses Risiko zu tragen und eine Praxis wirtschaftlich zu führen, bleibt die Niederlassung aber weiterhin der Weg mit dem höchsten Einkommenspotenzial im Beruf.

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