Zahnarztberuf & Karrierewege

Ersetzt die KI den Zahnarzt? Was auf den Beruf zukommt

RedaktionVon Redaktion5 Min. Lesezeit
Zahnarzt prüft einen KI-gestützten Diagnosebildschirm – Ersetzt die KI den Zahnarzt?

Nein. KI unterstützt Zahnärztinnen und Zahnärzte bei der Bildauswertung, der Planung und der Dokumentation. Die Behandlung führt sie nicht aus, und die Verantwortung bleibt beim Zahnarzt. Der Beruf verändert sich trotzdem – Praxen setzen KI-gestützte Software ein, und seit dem 2. August 2026 gilt die EU-KI-Verordnung grundsätzlich. Für Dein Studium folgt daraus, dass Du KI-Ergebnisse kritisch prüfen können musst.

Was KI in der Praxis leistet

Nach der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) kommt zahnmedizinische KI vor allem bei der Analyse von Röntgenbildern und digitalen Modellen, in Designinstrumenten für Restaurationen und kieferorthopädische Apparaturen und in sprachgesteuerten Assistenzsystemen für Dokumentation, Telefon und Terminvergabe zum Einsatz. Am besten untersucht ist die Bildauswertung. Drei Studien der Charité vergleichen KI mit Zahnärzten:

Studie Aufgabe Ergebnis
Cantu et al., Journal of Dentistry 2020, DOI 10.1016/j.jdent.2020.103425 Karies auf Bissflügelaufnahmen, 141 Testbilder, 7 Zahnärzte Genauigkeit der KI 0,80, der Zahnärzte im Mittel 0,71 (0,61 bis 0,78); Sensitivität der KI bei frühen und fortgeschrittenen Läsionen mindestens 0,70, bei frühen Läsionen lagen fast alle Zahnärzte unter 0,25
Krois et al., Scientific Reports 2019, DOI 10.1038/s41598-019-44839-3 Parodontaler Knochenabbau auf Panoramaaufnahmen, 2.001 Bildausschnitte, 6 Zahnärzte Genauigkeit der KI 0,81, der Zahnärzte 0,76 (Unterschied nicht signifikant, p = 0,067); Sensitivität und Spezifität der KI je 0,81, der Zahnärzte 0,92 und 0,63
Mertens et al., Journal of Dentistry 2021, DOI 10.1016/j.jdent.2021.103849 Randomisierte Studie, 22 Zahnärzte, je 20 Bissflügelaufnahmen mit und ohne KI-Unterstützung Fläche unter der ROC-Kurve mit KI 0,89, ohne KI 0,85; höhere Sensitivität, aber auch mehr invasive Behandlungsentscheidungen

Das sind Studien mit kleinen Bilddatensätzen. Sie zeigen, dass KI bei einer eng umrissenen Aufgabe mit Zahnärzten mithalten oder sie unterstützen kann. Dass sie die Befundung im Praxisalltag übernimmt, zeigen sie nicht. Übersichtsarbeiten zur Genauigkeit und den Einsatz in der Lehre beschreibt KI im Hörsaal. Die digitale Seite des Studiums zeigt Digitale Zahnmedizin im Studium.

Was KI nicht tut: die Behandlung selbst

Bohren, Präparieren, Extrahieren und Nähen bleiben Handarbeit am wachen, beweglichen Patienten (was zum Berufsbild gehört, steht in Was macht ein Zahnarzt?). Für die Zukunft gibt es nur Szenarien. Ein Editorial in Cureus vom 1. Januar 2026 (Naydenov, Uzunov, Liondev; PMC12859680) skizziert hypothetisch vier Stufen. Konkurrenz in der Diagnostik sehen die Autoren für 2025 bis 2035, in Planung und Konstruktion sowie in der Ausführung realer Arbeitsschritte für 2025 bis 2040, eine mögliche Führungsrolle allgemeiner KI bei einzelnen Verfahren für 2025 bis 2047. Das ist eine Prognose der Autoren – keine Messung.

Wer haftet beim Einsatz von KI?

Die BZÄK stellt in ihrer Empfehlung „Künstliche Intelligenz in der zahnärztlichen Praxis” vom 21. Oktober 2025 fest, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte auch beim Einsatz von KI-Anwendungen persönlich voll verantwortlich bleiben. Das ist die Position der Kammer – keine Rechtsnorm. Die Grundlage in der Behandlung selbst ist der Behandlungsvertrag: Die Behandlung muss den allgemein anerkannten fachlichen Standards entsprechen (§ 630a Abs. 2 BGB). Nach der BZÄK müssen Patienten über den Einsatz einer KI informiert werden (Art. 26 und 50 der KI-Verordnung). KI-Systeme in Medizinprodukten dürfen nur gemäß Betriebsanleitung und unter menschlicher Aufsicht laufen.

Rechtlich maßgeblich ist die KI-Verordnung (EU) 2024/1689. Sie ist seit dem 1. August 2024 in Kraft und seit dem 2. August 2026 grundsätzlich anwendbar. Betreiber, also auch Zahnarztpraxen, müssen nach Art. 4 in der Fassung der Verordnung (EU) 2026/1744 vom 8. Juli 2026 Maßnahmen ergreifen, um die KI-Kompetenz ihres Personals zu unterstützen; ein bestimmtes Niveau müssen sie nicht garantieren. Die Änderung ist seit dem 27. Juli 2026 in Kraft. Die Pflichten für Hochrisiko-Systeme hat dieselbe Verordnung verschoben: für eigenständige Systeme nach Anhang III auf den 2. Dezember 2027, für KI in regulierten Produkten wie Medizinprodukten (Anhang I) auf den 2. August 2028. Die BZÄK-Empfehlung vom Oktober 2025 nennt noch den 2. August 2027, die Verschiebung kam erst danach.

Arbeitsmarkt und Berufswahl

Gegen die Annahme, KI mache Zahnärzte überflüssig, sprechen auch die Zahlen zum Berufsstand. Das Durchschnittsalter der Vertrags- und angestellten Zahnärzte lag 2024 bei 50,4 Jahren, ein Viertel war älter als 60 (KZBV-Jahrbuch 2025). Viele bleiben über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus in der Versorgung. In den neuen Bundesländern rechnet die KZBV mit sinkenden Versorgungsgraden, weil dort mehr Zahnärzte altersbedingt ausscheiden. Ende 2024 kamen bundesweit 1.137 Einwohner auf einen behandelnd tätigen Zahnarzt, in Berlin 848, im Saarland 1.452 (BZÄK, Nachgezählt).

Drei Fähigkeiten bleiben unabhängig von der Technik gefragt, und Du übst sie im Studium:

  1. Befunde kritisch prüfen. In der Studie von Mertens et al. stieg mit KI-Unterstützung auch die Zahl invasiver Behandlungsentscheidungen, die eigene Beurteilung bleibt also nötig (KI im Hörsaal).
  2. Patienten aufklären, auch über den Einsatz von KI, wie ihn die BZÄK verlangt (Studienalltag).
  3. Präzise Handarbeit am Patienten, die Du im Phantomkurs trainierst.

Quellen

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