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Zahnärzte im Film: Vom kleinen Horrorladen bis Findet Nemo

RedaktionVon Redaktion5 Min. Lesezeit

Kaum ein Heilberuf wird im Kino so konsequent negativ gezeichnet wie der Zahnarzt. Während Chirurginnen und Notärzte in Serien meist als Held:innen inszeniert werden, ist der Zahnarzt im Film auffällig oft Sadist, Witzfigur oder beides zugleich. Das ist kein Zufall, sondern folgt einem sehr alten popkulturellen Muster, das eng mit einer echten, weit verbreiteten Angst zusammenhängt.

Der Zahnarzt als Sadist: Little Shop of Horrors und Marathon Man

Die wohl bekannteste Zahnarztfigur der Filmgeschichte ist Orin Scrivello, D.D.S., gespielt von Steve Martin im Musical-Film “Little Shop of Horrors” (1986). Scrivello ist ein Motorrad fahrender, Leder tragender Sadist, der in seinem eigenen Song “Dentist!” offen besingt, wie sehr ihm das Zufügen von Schmerz Spaß macht, und der seine Praxis ausdrücklich deshalb gewählt hat, weil sie ihm die Gelegenheit dazu bietet. Die Figur funktioniert komödiantisch nur deshalb, weil das Publikum die zugrunde liegende Angst vor dem Bohrer sofort erkennt.

Noch bekannter, wenn auch als reiner Horror statt Komödie inszeniert, ist die Folterszene in “Marathon Man” (1976). Laurence Olivier spielt darin den ehemaligen NS-Kriegsverbrecher Dr. Christian Szell, der als Zahnarzt untergetaucht ist und Dustin Hoffmans Figur mit zahnärztlichem Werkzeug foltert, während er immer wieder die berühmte Frage “Is it safe?” wiederholt. Die Szene gilt bis heute als eine der verstörendsten Kinomomente überhaupt: Bei Testvorführungen sollen einzelne Zuschauer:innen in Ohnmacht gefallen sein, weshalb die Szene für die Kinofassung gekürzt wurde. Olivier erhielt für seine Rolle einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung.

Auch der Horrorfilm “The Dentist” (1996) mit Corbin Bernsen bedient dasselbe Motiv, diesmal als klassischer Slasher: Ein Zahnarzt rutscht nach der Entdeckung der Untreue seiner Frau in einen mörderischen Wahn ab, bei dem seine Praxis zum Tatort wird. Drei völlig unterschiedliche Filme, ein gemeinsamer Nenner: der Bohrer als Folterinstrument in den falschen Händen.

Der Zahnarzt als Witzfigur: von Novocaine bis Horrible Bosses

Neben dem Sadisten gibt es eine zweite, ebenso alte Tradition: den tollpatschigen oder liebenswert chaotischen Zahnarzt als Komödienfigur. Bereits 1948 spielte Bob Hope in “The Paleface” einen feigen, unfähigen Zahnarzt im Wilden Westen, angelehnt an den real existierenden Zahnarzt Edgar “Painless” Parker. In der Serie und dem Film-Umfeld von “MAS*H” sorgt der Lagerzahnarzt Captain Waldowski, genannt “Painless Pole”, für komisches Personal abseits der eigentlichen Ärzteschaft.

Steve Martin selbst griff das Zahnarzt-Motiv später ein zweites Mal auf, diesmal in der Tragikomödie “Novocaine” (2001), in der er einen eigentlich unauffälligen Zahnarzt spielt, dessen geordnetes Leben durch eine neue Patientin aus den Fugen gerät. Und in der Komödie “Horrible Bosses” (2011) spielt Jennifer Aniston die Zahnärztin Dr. Julia Harris, die ihren Assistenten Dale (Charlie Day) unverhohlen sexuell belästigt, eine Rolle, die bewusst mit dem Kontrast zwischen seriösem Praxisumfeld und respektlosem Verhalten spielt.

Findet Nemo: die Praxis als Gefängnis

Einen anderen Dreh bekommt die Zahnarztfigur im Pixar-Film “Findet Nemo” (2003): Dr. Philip Sherman betreibt in Sydney eine Zahnarztpraxis mit Blick aufs Meer und ein Aquarium im Wartezimmer, in dem er Fische aus dem Riff sammelt, die seiner Ansicht nach im Ozean “ums Überleben kämpfen”. Dorthin gerät auch der kleine Nemo. Anders als Scrivello oder Szell ist Sherman kein Sadist, sondern wirkt eher gutmütig-ahnungslos, doch für die Fische im Tank ist seine Praxis trotzdem ein Gefängnis. Selbst in einem Familienfilm bleibt die Zahnarztpraxis also ein Ort latenter Bedrohung, nur eben aus der Perspektive der Patient:innen im Aquarium statt auf dem Behandlungsstuhl.

Warum ausgerechnet der Zahnarzt so oft die Angstfigur ist

Auffällig ist, dass praktisch kein anderer Heilberuf im Film so verlässlich mit Schmerz assoziiert wird. Ein naheliegender Grund: Der Bohrer, das Instrument, das im Zahnarztberuf am stärksten mit Unbehagen verbunden wird, liefert dem Kino ein extrem plastisches, unmittelbar verständliches Bedrohungssymbol, ganz ohne Erklärung, warum es gefährlich wirkt.

Dahinter steht eine reale, weit verbreitete Angst. Nach Angaben der Bundeszahnärztekammer leiden rund fünf bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland unter einer ausgeprägten Zahnbehandlungsphobie, einer eigenständigen, klinisch relevanten Angststörung. Das Institut der Deutschen Zahnärzte kommt in eigenen Untersuchungen zu einem noch höheren Anteil an Menschen mit einer massiven Form dieser Angst, die genauen Zahlen schwanken je nach Studie und Erhebungsmethode. Filme wie “Little Shop of Horrors” oder “Marathon Man” greifen diese bereits vorhandene Angst auf und überzeichnen sie zur Karikatur, sie erschaffen sie nicht neu.

Der Kontrast zur Realität

Die reale Arbeit als Zahnarzt oder Zahnärztin hat mit den Kinoklischees denkbar wenig zu tun. Der Berufsalltag besteht überwiegend aus Prophylaxe, Füllungstherapie, Prothetik und zunehmend auch aus präventiver Beratung, nicht aus Folterinstrumenten oder Rachefeldzügen. Gerade weil die Angst vor dem Zahnarztbesuch bei vielen Patient:innen real ist, hat sich in der Praxis in den letzten Jahrzehnten viel getan: schonendere Verfahren, bessere Betäubungstechniken und ein zunehmend sensibler Umgang mit ängstlichen Patient:innen gehören heute zum professionellen Standard. Wie der Berufsalltag tatsächlich aussieht, jenseits jeder Filmklischees, beschreibt der Artikel Berufsalltag als Zahnarzt, einen Überblick über das Berufsbild insgesamt gibt Was macht ein Zahnarzt eigentlich?

Fazit: Karikatur mit echtem Kern

Ob Sadist, Witzfigur oder gutmütiger Fisch-Sammler: Die Zahnarztfigur im Film lebt fast immer von derselben Grundzutat, der latenten Angst vor Schmerz und Kontrollverlust auf dem Behandlungsstuhl. Diese Angst ist bei vielen Menschen real und ernst zu nehmen, weshalb die Übertreibung im Kino durchaus ihre komödiantische wie dramaturgische Berechtigung hat. Mit dem tatsächlichen Berufsbild, das weit überwiegend aus sorgfältiger, präventiver und zunehmend schonender Arbeit besteht, haben die großen Leinwand-Zahnärzte trotzdem herzlich wenig zu tun.

Quellen

  • Little Shop of Horrors Wiki (Fandom): Orin Scrivello, D.D.S.
  • Film Obsessive: “Is It Safe?” Marathon Man’s Interrogation Scene
  • IMDb: Marathon Man (1976), Novocaine (2001), Horrible Bosses (2011), Little Shop of Horrors (1986)
  • Disney/Pixar Wiki (Fandom): Philip Sherman, Findet Nemo
  • Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Angaben zur Zahnbehandlungsphobie
  • Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ): Untersuchungen zur Zahnarztangst
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