Wissenswertes

Revolverheld mit Doktortitel: Berühmte Zahnärzte der Geschichte

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit

Zahnmedizin und Wildwest-Legende klingen zunächst nach zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Tatsächlich gibt es aber mehrere historisch gut belegte Fälle, in denen ein Zahnmedizin-Abschluss der Ausgangspunkt für eine ganz andere Karriere war, oder in denen ein approbierter Zahnarzt medizinische Geschichte schrieb, bevor er selbst in Vergessenheit geriet. Der bekannteste dieser Fälle trägt bis heute einen Spitznamen, der nichts mit seinem eigentlich erlernten Beruf zu tun hat.

Doc Holliday: Revolverheld mit Doktortitel

John Henry „Doc“ Holliday ist heute vor allem als Revolverheld und enger Freund von Wyatt Earp bekannt, verbunden mit der berühmten Schießerei am O.K. Corral 1881 in Tombstone, Arizona. Bevor er als Revolverheld in die Wildwest-Geschichte einging, schloss Holliday allerdings am 1. März 1872, im Alter von 20 Jahren, sein Studium am Pennsylvania College of Dental Surgery in Philadelphia mit dem Grad des Doctor of Dental Surgery ab, seine Abschlussarbeit trug den Titel „Diseases of the Teeth“. Nach dem Studium absolvierte er noch eine zweijährige praktische Lehrzeit bei einem bereits niedergelassenen Zahnarzt, bevor eine Tuberkulose-Erkrankung ihn in ein trockeneres Klima im Westen der USA zwang, wo aus dem Zahnarzt der Berufsspieler und Revolverheld wurde, als der er bis heute bekannt ist. Hartnäckig hält sich übrigens bis heute die Legende, Holliday habe am Baltimore College of Dental Surgery studiert, laut dem dortigen Dentalmuseum in Baltimore gibt es dafür allerdings keinen Nachweis, vermutlich verwechselt aufgrund des damaligen Renommees dieser Schule.

William Thomas Green Morton: der Zahnarzt, der die Schmerzfreiheit brachte

Deutlich weniger populär als Doc Holliday, medizinhistorisch aber bedeutsamer, ist der Bostoner Zahnarzt William Thomas Green Morton. Er eröffnete 1844 eine eigene Zahnarztpraxis in Boston und begann kurz darauf, gemeinsam mit dem Chemiker Charles Jackson an Möglichkeiten zur Schmerzausschaltung zu forschen. Am 30. September 1846 zog er bei einer Zahnextraktion erstmals Ether zur Betäubung heran, wenige Wochen später, am 16. Oktober 1846, demonstrierte er die Ether-Narkose öffentlich im Massachusetts General Hospital: Der Chirurg John Collins Warren entfernte einem Patienten unter Mortons Betäubung schmerzfrei einen Tumor am Hals, ein Ereignis, das als Geburtsstunde der modernen Anästhesie in die Medizingeschichte einging. Um den Ruhm für diese Entdeckung entbrannte allerdings ein erbitterter, jahrelanger Streit zwischen Morton und Jackson, der Mortons Nachruhm bis heute überschattet.

Zane Grey: vom Zahnarztstuhl zum Bestsellerautor

Ein weiterer Fall verläuft in umgekehrter Richtung zu Doc Holliday: nicht vom Zahnarzt zur Legende eines ganz anderen Fachs, sondern von der Zahnmedizin zur literarischen Karriere. Der spätere Wildwest-Schriftsteller Zane Grey schloss 1896 sein Zahnmedizinstudium an der University of Pennsylvania ab und eröffnete anschließend eine eigene Praxis in New York City, die er von 1898 bis 1904 betrieb. Sein Herz hing dabei nie wirklich am zahnärztlichen Alltag: Nach seiner Heirat 1905, die ihm über das Vermögen seiner Frau finanzielle Unabhängigkeit verschaffte, gab er die Praxis auf und wurde hauptberuflich Schriftsteller. Mit Romanen wie „Riders of the Purple Sage“ (1912) wurde er zu einem der ersten Millionen-Bestsellerautoren im Wildwest-Genre, ausgerechnet in jenem Milieu, das auch Doc Holliday berühmt gemacht hatte.

Paul Revere: der Zahnersatz als Indizienspur

Eine vierte, etwas andere Geschichte betrifft den amerikanischen Freiheitskämpfer Paul Revere, der vor allem für seinen nächtlichen Warnritt 1775 bekannt ist. Weniger geläufig ist, dass Revere nebenberuflich auch Zahnersatz anfertigte, damals meist aus Elfenbein und mit Golddraht am Kiefer befestigt. Der Überlieferung nach soll er die sterblichen Überreste seines im Kampf gefallenen Freundes Joseph Warren später anhand eines von ihm selbst angefertigten Gebisses identifiziert haben, ein Fall, der oft als früher Vorläufer der forensischen Zahnmedizin genannt wird. Ganz zweifelsfrei belegt ist diese konkrete Identifizierung durch Revere allerdings nicht: Das Paul Revere House in Boston selbst weist darauf hin, dass die Beweislage dafür lückenhaft ist.

Was diese Geschichten gemeinsam haben

So unterschiedlich diese vier Lebensläufe sind, eint sie ein Muster: Ein Zahnmedizin-Abschluss war historisch offenbar kein Hindernis dafür, in einem völlig anderen Feld bekannt zu werden, sei es als Revolverheld, als Erfinder oder als Schriftsteller. Umgekehrt zeigt gerade Morton, wie sehr auch innerhalb der Zahnmedizin einzelne Personen ganze Bereiche der Medizin mitgeprägt haben, weit über die Zahnbehandlung im engeren Sinn hinaus. Einen vergleichbaren Fall aus Frankreich, der die Zahnmedizin selbst als eigenständige Disziplin begründete, beschreibt der Artikel Pierre Fauchard: Der Mann, der die moderne Zahnmedizin erfand, einen größeren historischen Überblick bietet Vom Zahnbrecher zum Doktor: Eine kleine Geschichte der Zahnmedizin.

Quellen

  • The Dr. Samuel D. Harris National Museum of Dentistry: An Impressive Education (zu Doc Holliday)
  • Wikipedia (englisch): Doc Holliday
  • Britannica: William Thomas Green Morton
  • Wikipedia (englisch): William T. G. Morton
  • Pennsylvania Center for the Book: Zane Grey
  • DrBicuspid.com: The story of Pearl Grey – Dentist turned author, adventurer
  • Paul Revere House (paulreverehouse.org): Paul Revere and Dentistry
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