Zahnheilkunde wurde in Deutschland schrittweise zum Studienfach. Preußen regelte die zahnärztliche Prüfung 1825, in Berlin und Leipzig öffneten 1884 die ersten Universitätsinstitute, und erst das Zahnheilkundegesetz von 1952 band die Behandlung an Studium und Approbation. Die Tabelle fasst die Stationen zusammen – die Abschnitte darunter ordnen die wichtigsten ein.
Zeitleiste der Zahnmedizin
| Jahr | Ereignis | Quelle |
|---|---|---|
| 1728 | Pierre Fauchard veröffentlicht in zwei Bänden „Le Chirurgien Dentiste” (Porträt) | NYU College of Dentistry |
| 1825 | Das Preußische Medizinalreglement regelt die Zulassung zur zahnärztlichen Prüfung, Ergänzungen folgen 1835/36 | Nebe/Krischel, zm 7/2022 |
| 1846 | William Morton führt am 16. Oktober in Boston die erste erfolgreiche Äthernarkose vor; Horace Wells hatte im Dezember 1844 Lachgas an sich erprobt (Porträts) | Chaturvedi/Gogna 2011 |
| 1869 | Henriette Hirschfeld schließt in Philadelphia ab und eröffnet in Berlin die Praxis (Porträt); erst 1900 beginnt in Baden die Ausbildung von Zahnärztinnen, die preußischen Universitäten folgen 1908 | NDB, Groß zm 3/2016 |
| 1884 | Die ersten Universitätsinstitute entstehen in Berlin und Leipzig; in Leipzig beginnt der Unterricht am 16. Oktober (Uni-Zahnkliniken) | Charité, Uniklinikum Leipzig |
| 1889/90 | Willoughby D. Miller beschreibt in „Die Mikroorganismen der Mundhöhle”, dass Mundbakterien Kohlenhydrate zu Säuren abbauen, die den Schmelz entkalken | Groß, zm 18/2017 |
| 1896 | Otto Walkhoff und der Physiker Walter König fertigen die ersten Röntgenaufnahmen von Zähnen (Februar) | Vollmuth/Müllerschön, zm 21/2020 |
| 1909 / 1919 | Die Prüfungsordnung von 1909 macht das Reifezeugnis zur Zulassungsvoraussetzung; 1919 wird der Dr. med. dent. an den medizinischen Fakultäten flächendeckend eingeführt | Nebe/Krischel, zm 7/2022 |
| 1924 | J. K. Clarke isoliert aus kariösen Läsionen den Keim, den er Streptococcus mutans nennt | Lemos et al. 2019 |
| 1945 | Grand Rapids (Michigan) fluoridiert als erste Stadt das Trinkwasser; nach zehn Jahren lag die Kariesrate der Kinder um mehr als 60 Prozent niedriger | NIDCR |
| 1952 | Das Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde (Bundestag 14. Februar, verkündet 31. März) tritt am 1. April in Kraft | zm-online 2002, Nebe/Krischel |
| 1965 | Per-Ingvar Brånemark setzt erstmals Titanimplantate bei einem zahnlosen Patienten | Agarwal et al. 2024 |
| 2020 | Die ZApprO tritt am 1. Oktober in Kraft und gilt für Studienbeginn ab Wintersemester 2021/22 | ZApprO |
Zahnwurm und Karies: wie die Ursache gefunden wurde
Der Zahnwurm ist die älteste bekannte Erklärung für Karies. Eine Tontafel aus Nippur (um 1800 v. Chr.) beschreibt Mittel gegen Zahnwürmer, auch ägyptische Papyri erwähnen sie. Der römische Leibarzt Scribonius Largus empfahl im 1. Jahrhundert n. Chr. Räucherungen mit Bilsenkrautsamen. Erste Zweifel äußerte 1543 der französische Arzt Jacques Houllier. Fauchard schrieb im 18. Jahrhundert, er habe die Würmer nie gesehen und halte sie für höchst unwahrscheinlich. 1757 wies Jacob Christian Schäffer in „Die Eingebildeten Würmer in Zähnen” per Räucherversuch nach, dass es sich um Pflanzenkeimlinge handelte.
Die bakterielle Ursache klärte sich in drei Schritten. Miller beschrieb 1889/90 die chemoparasitäre Kariestheorie, einen Grundstein moderner Kariestheorien. 1924 isolierte J. K. Clarke aus kariösen Läsionen einen Keim und nannte ihn Streptococcus mutans. 1960 zeigten Robert Fitzgerald und Paul Keyes im Hamsterversuch, dass Karies infektiös und übertragbar ist. Das Jahr 1960 steht also für den Nachweis der Rolle des Keims bei der Kariesentstehung; entdeckt war er 36 Jahre früher. Die volkskundliche Seite des Zahnwurms (Märchen, Rituale, Zahnfee) steht in Zahnfee, Zahnmaus, Zahnwurm: Zahn-Bräuche weltweit.
Barbiere, Bader und fahrende Zahnbrecher
Bis ins 19. Jahrhundert traten Wanderheiler als Zahnbrecher, fahrende Gesellen oder Marktschreier auf. Viele Behandler ohne Prüfung hatten zuvor als Barbier oder Bader gearbeitet: 1909 traf das auf 58,4 Prozent von 1.060 überprüften Nichtapprobierten zu (Groß, zm 21/2015).
Prüfungsordnungen, Gewerbefreiheit und Dentisten
Preußen regelte 1825 die zahnärztliche Prüfung. In Gießen konnte man laut Nebe und Krischel schon ab 1832 einen Dr. chir. „in primis in arte dentaria” erwerben. 1869 kam im Norddeutschen Bund ein Prüfungsreglement für Zahnärzte, im selben Jahr wurde die Heilkunde freigegeben (Kurierfreiheit). Ein Ministererlass erlaubte 1873 die Immatrikulation von Zahnmedizinstudierenden auch ohne Zeugnis der Reife; erst die Prüfungsordnung von 1909 machte das Reifezeugnis zur Pflicht.
Mit der Kurierfreiheit entstand eine zweite Berufsgruppe, die nichtapprobierten „Zahnkünstler”, die sich ab 1908 Dentisten nannten. Ihre Zahl stieg von 735 im Jahr 1878 auf 11.000 im Jahr 1920, die der approbierten Zahnärzte von 438 auf 4.459. Patienten konnten beide Gruppen kaum unterscheiden – bis 1952. Das Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde (ZHG) beendete diesen fast 80 Jahre alten Dualismus: Es band die Zahnheilkunde an Studium und Approbation und hob die Kurierfreiheit für sie auf. Dentisten konnten nach dem Gesetz in den zahnärztlichen Stand eintreten (§§ 8 bis 11 ZHG); bis Ende 1953 erbrachten mehr als 15.000 von ihnen den Qualifikationsnachweis.
Vom Gesetz zum heutigen Studium
Die Approbationsordnung für Zahnärzte vom 26. Januar 1955 sah zehn Semester und sechs Monate einschließlich Prüfungszeit vor und galt bis zur ZApprO. Ihre Nachfolgerin ist die Approbationsordnung für Zahnärzte und Zahnärztinnen (ZApprO) vom 8. Juli 2019: in Kraft seit 1. Oktober 2020, für Studienbeginn ab Wintersemester 2021/22. Was sich gegenüber 1955 geändert hat, steht in ZApprO Zahnmedizin: Was sich gegenüber 1955 geändert hat; den heutigen Ablauf bis zur Approbation beschreibt Wie wird man Zahnarzt?. Archive und Bibliotheken zur Berufsgeschichte sammelt das Dentalmuseum Zschadraß bei Colditz.
Quellen
- Nebe/Krischel: Vom Zahnbrecher zum Spezialisten für Mundgesundheit, zm 7/2022: Preußen 1825, Gießen 1832, Prüfungsreglement und Kurierfreiheit 1869, Erlass 1873, Prüfungsordnung 1909, Dr. med. dent. 1919, Zahlen der Zahnkünstler und Zahnärzte, ZHG 1952
- Groß: Der Dentist setzt sich durch, zm 21/2015: Zahnbrecher, Barbiere und Bader, Umbenennung zu Dentisten 1908
- zm-online 2002: Lebendige Geschichte: Inkrafttreten des ZHG am 1. April 1952, Ende der Kurierfreiheit
- Groß: Die Frauenfrage, zm 3/2016 und Neue Deutsche Biographie: Tiburtius, Franziska: Abschluss Hirschfelds 1869, Zulassung von Frauen in Baden 1900 und Preußen 1908
- Groß: Willoughby Dayton Miller, Erklärer der Karies, zm 18/2017: Millers Buch 1889/90 und die chemoparasitäre Theorie
- Lemos et al.: The Biology of Streptococcus mutans, Microbiology Spectrum 2019: Clarke 1924 (Br J Exp Pathol 5:141-147)
- NIDCR: Dental caries proven transmissible and infectious: Fitzgerald und Keyes 1960
- Becker Medical Library: Die Eingebildeten Würmer in Zähnen: Zahnwurm von Nippur bis Schäffer 1757
- Chaturvedi/Gogna: Ether day, Med J Armed Forces India 2011: Wells 1844, Morton 1846
- Vollmuth/Müllerschön: Röntgen, zm 21/2020: erste Zahnaufnahmen 1896
- NIDCR: Community Water Fluoridation: Grand Rapids 1945, Kariesrückgang (Stand: überprüft September 2025)
- Agarwal et al.: The Per-Ingvar Brånemark Era, Cureus 2024: erste Titanimplantate 1965
- NYU College of Dentistry: Pierre Fauchard, Le Chirurgien Dentiste: Ausgabe 1728
- Charité: Historie der Abteilung für Zahnerhaltung und Uniklinikum Leipzig: Geschichte der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik: Institute 1884, Lehrbeginn in Leipzig am 16. Oktober
- Gesetz über die Ausübung der Zahnheilkunde (ZHG) und ZApprO: geltende Fassungen

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