Pierre Fauchard (um 1678 bis 1761) war ein französischer Wundarzt, der 1728 mit „Le Chirurgien Dentiste, ou Traité des Dents” das erste umfassende Lehrbuch der Zahnheilkunde veröffentlichte. Die Fachliteratur nennt ihn den „Father of Modern Dentistry” (Aksoy et al. 2024). Eine Ausbildung zum Chirurgen schloss er aus Geldmangel nie ab (NYU); stattdessen führte der Weg in die Zahnheilkunde über die Marine, wo er bei Poteleret die Mundkrankheiten der Seeleute kennenlernte, etwa Skorbut. Das Geburtsjahr schwankt je nach Quelle zwischen 1677 und 1679; die Übersicht unten folgt der NYU.
Lebensdaten
| Jahr | Station |
|---|---|
| um 1678 | Geburt in der Bretagne |
| um 1693 | Mit 15 Jahren Lehrling beim Schiffschirurgen Alexandre Poteleret in der französischen Kriegsmarine |
| 1696 | Ende des Marinedienstes, Praxis in Angers; später auch in Nantes, Tours und Rennes |
| um 1718 | Niederlassung in Paris |
| 1723 | Niederschrift des Hauptwerks |
| 1728 | Erscheinen von „Le Chirurgien Dentiste” in zwei Bänden |
| 1746 | Zweite, überarbeitete Auflage |
| 1761 | Tod |
Quellen: NYU College of Dentistry; Aksoy et al., Cureus 2024.
Das Werk von 1728
Das Buch umfasst über 800 Seiten in 64 Kapiteln, dazu 42 Tafeln mit Instrumenten und Geräten. Es beschreibt 103 Krankheiten der Zähne und der Mundhöhle und reicht von Anatomie, Pathologie und Pharmakologie über Chirurgie und Prothetik bis zur Kieferorthopädie. Vor dem Druck holte Fauchard laut NYU die Zustimmung von 19 Kollegen ein. Eine englische Übersetzung erschien erst 1946. Fast 100 Jahre galt das Buch als Standardwerk (Aksoy et al.). Die zweite Auflage von 1746 enthält die klinische Beschreibung der Pyorrhoea alveolaris (Parodontitis), die laut Fauchard schon seit Jahrhunderten bekannt war.
Was Fauchard neu machte
Karies erklärte Fauchard nicht mit Würmern, sondern laut Aksoy et al. mit Säuren aus Zucker. Zweifel am Zahnwurm hatte schon 1543 der Arzt Jacques Houllier geäußert; die Geschichte dieser Vorstellung steht in der Geschichte der Zahnmedizin. Bei Füllungen entfernte er das kariöse Gewebe vollständig und verschloss die Kavität mit Blei, Zinn oder Gold, am liebsten mit Zinn. Seine Bohrvorrichtung wurde über eine Darmsaite angetrieben, für Extraktionen beschrieb er eigene Zangen und Hebel.
Patienten behandelte er im Armstuhl, nicht auf dem Boden. Fehlende Zähne ersetzte er durch Prothesen aus Elfenbein oder menschlichen Zähnen, befestigt mit Golddraht oder gewachstem Faden. Für die Kieferorthopädie beschrieb er den „Bandeau”, einen hufeisenförmigen Metallstreifen zur Erweiterung des Zahnbogens; Aksoy et al. führen ihn als Vorläufer des E-Arch von Edward Angle an.
Zur Vorsorge empfahl Fauchard morgens eine Mundspülung mit lauwarmem Wasser und das Reinigen der Zähne mit einem feinen Schwamm in Wasser oder Wasser mit Weingeist (Aqua vitae). Sein Zahnpulver bestand aus Koralle, Drachenblut, gebranntem Honig und Sepiaschale – Zutaten, die nach damaliger Ansicht reinigten, ohne den Zahn anzugreifen. Die Kontrolle beim Zahnarzt riet er laut Aksoy et al. alle vier bis sechs Monate an.
Einordnung
„Vater der modernen Zahnmedizin” ist eine Zuschreibung der Rückschau. Fauchards Leistung war die Systematik – verstreutes Wissen in einem Lehrbuch, mit scharfer Kritik an den Scharlatanen seiner Zeit. Im deutschsprachigen Raum gilt Philipp Pfaff (1713 bis 1766) als erster Wegbereiter des Fachs; sein Lehrbuch von 1756 schöpft nach Groß stark aus Fauchard und kritisiert einzelne Ausführungen. Wie es danach an den deutschen Hochschulen weiterging, steht in den Artikeln über die traditionsreichen Uni-Zahnkliniken und die berühmten Zahnärzte der Geschichte.
Im Studium gehört die Fachgeschichte zum Querschnittsbereich „Ethik und Geschichte der Medizin und der Zahnmedizin”, den die ZApprO für den schriftlichen Teil des Dritten Abschnitts nennt (§ 72). Digitalisate beider Bände von 1728 stellt die NYU College of Dentistry online. Wie das Studium heute aufgebaut ist, beschreibt Wie wird man Zahnarzt?.
Quellen
- Aksoy et al.: Pierre Fauchard (1678-1761): Pioneering Dental Surgeon of the Enlightenment Age, Cureus 2024: Lebensdaten, Werk, 103 Krankheiten, Neuerungen, Vorsorge, Bandeau und E-Arch
- NYU College of Dentistry, Rare Book Collection: Fauchard, Le Chirurgien Dentiste: Geburtsjahr 1678, Marine 1693, Poteleret, Angers, Tours, Rennes, Paris 1718, 19 Kollegen, Digitalisate
- Becker Medical Library: Die Eingebildeten Würmer in Zähnen: Zweifel am Zahnwurm seit 1543 (Houllier)
- Groß: Philipp Pfaff, der Wegbereiter des Fachs, zm 17/2018: Pfaffs Lehrbuch 1756 und sein Verhältnis zu Fauchard
- ZApprO § 72, Querschnittsbereich Ethik und Geschichte der Medizin und der Zahnmedizin: Inhalt des schriftlichen Teils des Dritten Abschnitts

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