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Pierre Fauchard: Der Mann, der die moderne Zahnmedizin erfand

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit

Wenn in der Zahnmedizin von einem „Vater des Fachs“ die Rede ist, fällt fast immer derselbe Name: Pierre Fauchard. Der Franzose lebte im 17. und 18. Jahrhundert, einer Zeit, in der Zähne noch überwiegend von Barbieren und fahrenden Zahnbrechern behandelt wurden, und veröffentlichte 1728 das erste systematische Lehrbuch der Disziplin. Vieles, was sein Werk beschreibt, wirkt bis heute in irgendeiner Form nach: vom Behandlungsstuhl über die Warnung vor Zucker bis zur Beschreibung von Parodontitis.

Vom Schiffsarzt-Lehrling zum gefragten Zahnbehandler

Fauchard wurde nach überwiegender Quellenlage 1678 geboren, sein genaues Geburtsjahr wird in manchen Quellen allerdings auch mit 1679 angegeben. Bereits mit 14 Jahren trat er 1693 der französischen Kriegsmarine bei und lernte dort unter dem Schiffschirurgen Alexandre Poteleret die Behandlung von Zahnerkrankungen kennen, die unter Seeleuten auf langen Reisen besonders verbreitet waren. Nach seiner Zeit auf See ließ sich Fauchard zunächst in Angers nieder und praktizierte in den folgenden Jahren auch in Nantes, Tours und Rennes, bevor er sich um 1718 in Paris etablierte und dort schnell zu einem gefragten Zahnbehandler in besseren Kreisen wurde.

„Le Chirurgien Dentiste“: das erste systematische Lehrbuch der Zahnheilkunde

Fauchards Hauptwerk trägt den Titel „Le Chirurgien Dentiste, ou Traité des Dents“ (Der Chirurg-Zahnarzt oder Abhandlung über die Zähne). Ein erstes Manuskript von rund 600 Seiten entstand bereits 1723, veröffentlicht wurde das Werk schließlich 1728 in zwei Bänden mit mehr als 800 Seiten. Darin katalogisierte Fauchard über hundert Krankheitsbilder rund um Zähne und Mundraum und beschrieb dazu jeweils konkrete Behandlungsmethoden, ein für seine Zeit beispielloser Anspruch an Systematik. Bereits 1733 erschien eine deutsche Übersetzung, 1746 folgte eine überarbeitete und erweiterte zweite Auflage.

Der Warner vor dem Zucker

Eine der folgenreichsten Aussagen Fauchards betraf die Ursache von Karies. Während sich der Glaube an einen krankheitsverursachenden Zahnwurm bis weit ins 18. Jahrhundert hielt, führte Fauchard Karies stattdessen auf Säuren zurück, die durch Zucker im Mund entstehen, und warnte entsprechend vor übermäßigem Zuckerkonsum. Mehr zur langen Geschichte des Zahnwurm-Mythos, den Fauchards Werk mit wissenschaftlicher Argumentation ins Wanken brachte, findest Du im Artikel Vom Zahnbrecher zum Doktor: Eine kleine Geschichte der Zahnmedizin.

Der Behandlungsstuhl und neue Instrumente

Vor Fauchard war es üblich, Patient:innen für Zahnbehandlungen auf dem Boden sitzen oder sogar liegen zu lassen. Fauchard setzte stattdessen auf die Behandlung im Sessel, eine vergleichsweise einfache, aber folgenreiche Neuerung, die als Vorläufer des modernen Behandlungsstuhls gilt. Dazu entwickelte er spezialisierte Zangen und Hebelinstrumente für Zahnextraktionen und eine mit einer Darmsaite angetriebene Bohrvorrichtung. Bei Füllungen legte er großen Wert darauf, kariöses Gewebe vollständig zu entfernen, bevor er den Zahn mit Blei, Zinn oder Gold verschloss, wobei er Zinn meist bevorzugte.

Parodontitis, Zahnersatz und Kieferorthopädie

In der zweiten Auflage seines Werks von 1746 lieferte Fauchard eine detaillierte klinische Beschreibung der Parodontitis, damals Pyorrhoe genannt, obwohl das Krankheitsbild selbst schon seit Jahrhunderten bekannt war. Für fehlende Zähne fertigte er Prothesen aus Elfenbein oder menschlichen Zähnen an, die er mit Golddraht oder gewachstem Faden befestigte. Auch in der Kieferorthopädie hinterließ er Spuren: Mit einem hufeisenförmigen Metallgerät, dem sogenannten Bandeau, versuchte er, Zahnbögen gezielt zu erweitern, ein Prinzip, das deutlich später in modifizierter Form in orthodontische Apparaturen wie den E-Arch nach Edward Angle einfloss.

Vorsorge statt nur Behandlung

Bemerkenswert an Fauchards Werk ist außerdem, dass er nicht nur die Behandlung, sondern auch die Vorsorge in den Blick nahm. Er empfahl regelmäßiges Zähneputzen mit einem feinen Schwamm sowie mit Wasser oder einer Wasser-Alkohol-Mischung und entwickelte eine milde Zahnpasta aus Zutaten wie Koralle und gebranntem Honig. Zudem riet er zu einer zahnärztlichen Kontrolle alle vier bis sechs Monate, ein Rhythmus, der dem heutigen Vorsorgeintervall bemerkenswert nahekommt.

Warum er als Vater der modernen Zahnmedizin gilt

Fauchards Verdienst liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Erfindung als in der Systematik, mit der er ein bis dahin von Handwerkern und Scharlatanen geprägtes Feld erstmals wissenschaftlich ordnete. Sein Werk legte den Grundstein für die Professionalisierung der Zahnheilkunde, die sich in Deutschland erst rund ein Jahrhundert später mit ersten staatlichen Prüfungsordnungen fortsetzte. Wie dieser Weg von Fauchards Frankreich bis zur heutigen deutschen Approbationsordnung verlief, beschreibt der Artikel Wie wird man Zahnarzt? Der komplette Weg.

Quellen

  • Pierre Fauchard (1678-1761): Pioneering Dental Surgeon of the Enlightenment Age, PMC (National Library of Medicine)
  • Wikipedia (englisch): Pierre Fauchard
  • NYU College of Dentistry, Rare Book Collection: Pierre Fauchard’s Le Chirurgien Dentiste
  • Faculty Dental Journal (Royal College of Surgeons): Pierre Fauchard and the birth of modern dentistry
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