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Warum Zahnis sich gegenseitig behandeln: Übungen am Kommilitonen

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit

Der Phantomkopf mit seinen Kunststoffzähnen ist im Zahnmedizinstudium allgegenwärtig, aber er ist nicht der einzige Übungspartner der ersten Semester. Vielerorts wirst Du recht früh selbst zum Übungsobjekt Deiner Sitznachbarin oder Deines Sitznachbarn, und umgekehrt. Wer das vorher nicht weiß, ist beim ersten Mal meist überrascht, wie viel gegenseitige Behandlung tatsächlich zum vorklinischen und klinischen Alltag gehört.

Der erste echte Befund: Dein Kommilitone

Bevor Du an einem realen Patienten überhaupt eine Anamnese erhebst, übst Du diesen Ablauf an vielen Fakultäten zunächst an einer Person, die Du bereits kennst: einem anderen Studierenden aus dem eigenen Kurs. Dazu gehört das vollständige Aufnehmen eines zahnärztlichen Befunds, oft inklusive Parodontalstatus, Zahnschema und Mundhygieneindex, sowie das anschließende Formulieren einer individuellen Mundhygieneinstruktion. Wer zum ersten Mal in einen fremden Mund schaut und dabei gleichzeitig ein Protokoll ausfüllen soll, merkt schnell, dass selbst diese scheinbar einfache Übung Routine braucht, die sich am besten an einem nachsichtigen Übungspartner statt an einem echten Patienten aufbauen lässt.

Abformungen aneinander üben

Noch deutlicher wird das Prinzip bei den ersten Abformungen. Alginatabdrücke, später auch Doppelmischabdrücke und Bissregistrierungen, werden an vielen Universitäten zunächst gegenseitig unter den Studierenden geübt, bevor sie im Behandlungskurs an echten Patient:innen zum Einsatz kommen. Das Material im Mund abbinden zu lassen, den Löffel im richtigen Winkel einzusetzen und dabei den Würgereiz der Gegenseite nicht zu unterschätzen, lässt sich kaum an einem Kunststoffmodell lernen, ein Phantomkopf würgt schließlich nicht und beschwert sich auch nicht über einen zu weit hinten sitzenden Löffelrand. An manchen Standorten gehört sogar die Anfertigung und Anprobe einfacher Schienen oder Gaumenplatten an Kommiliton:innen zu den frühen Übungsformaten.

Warum echtes Gewebe einen Unterschied macht

Der didaktische Grund dahinter ist einleuchtend: Ein Phantomkopf reagiert nicht auf Druck, hat keinen Würgereiz und keine individuelle Anatomie mit Besonderheiten wie einem stark ausgeprägten Gaumenreflex oder ungewöhnlich geformten Zahnbögen. Echtes Mundgewebe dagegen verhält sich unvorhersehbarer, genau wie bei späteren Patient:innen. Wer vor dem ersten echten Patientenkontakt bereits an einem Kommilitonen erlebt hat, wie sich ein zu voller Abformlöffel anfühlt oder wie schnell Alginat abbindet, geht entsprechend gelassener in den klinischen Studienabschnitt.

Die Perspektive wechseln

Ein oft unterschätzter Nebeneffekt: Wer selbst als Übungsobjekt auf dem Behandlungsstuhl sitzt, erlebt am eigenen Leib, wie sich ein unsicherer Griff, ein zu fest sitzender Abformlöffel oder eine unklare Ansage anfühlen. Diese Erfahrung aus der Patientenperspektive nehmen viele Studierende explizit als Lerneffekt mit in die eigene spätere Behandlungspraxis, unabhängig davon, ob sie später tatsächlich in eine Praxis gehen oder eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.

Freiwilligkeit und Grenzen

Diese Übungsform funktioniert nur, wenn sie auf Gegenseitigkeit und Freiwilligkeit beruht. An den meisten Fakultäten gilt entsprechend, dass niemand zur Übung an einem bestimmten Kommilitonen gezwungen wird und dass es in Ordnung ist, bei gesundheitlichen Einschränkungen, starkem Unwohlsein oder persönlichen Gründen eine andere Übungskonstellation zu wählen oder eine Übung an sich selbst abzulehnen. Hygienevorgaben wie Handschuhe, sterile Instrumente und eine saubere Arbeitsfläche gelten dabei genauso wie später am echten Patienten, schließlich handelt es sich trotz des vertrauten Gegenübers um eine ernstzunehmende zahnärztliche Übung und nicht um eine reine Formalität.

Nicht überall exakt gleich geregelt

Wie genau diese gegenseitigen Übungen organisiert sind, welche Kurse konkret betroffen sind und ab welchem Semester das beginnt, unterscheidet sich zwischen den Universitäten spürbar. An manchen Standorten ist das Prinzip fest im Kurs der technischen Propädeutik und in frühen Behandlungskursen verankert, an anderen kommt es erst später oder in loserer Form vor. Wer sich unsicher ist, was am eigenen Studienort konkret erwartet wird, bekommt die verlässlichsten Antworten direkt von der Fachschaft oder aus dem Studiengangsleitfaden der eigenen Fakultät, allgemeine Erfahrungsberichte aus dem Internet geben hier oft nur eine grobe Orientierung.

Kein Grund zur Sorge

Wer vor dem Studium von diesem Prinzip hört, reagiert manchmal zunächst mit Unbehagen, immerhin klingt „ich werde von meinen Kommiliton:innen behandelt“ erstmal ungewohnt. In der Praxis erleben die allermeisten Studierenden diese Übungen als wenig dramatisch: Man kennt sich aus dem Kurs, lacht über missglückte erste Versuche gemeinsam und baut nebenbei genau die Routine auf, die später am echten Patienten den entscheidenden Unterschied macht. Wer sich generell fragt, was im ersten Semester auf einen zukommt, kann diesen Punkt getrost als einen von vielen ungewohnten, aber gut zu bewältigenden Programmpunkten einordnen.

Quellen

  • Fachschaft Zahnmedizin Hamburg: Ablauf und Inhalte der Vorklinik (zahnmedizinhh.de)
  • Medizinische Fakultät Tübingen: Studiengangleitfaden Zahnmedizin Staatsexamen (uni-tuebingen.de)
  • Studiendekanat Greifswald: Untersuchungskursheft (uni-greifswald.de)
  • UKE Hamburg: Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Behandlung durch Studierende (uke.de)
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