Wie gesund die Zähne einer Bevölkerung sind, lässt sich erstaunlich präzise messen, und die Zahlen erlauben einen soliden internationalen Vergleich. Deutschland hat sich dabei über Jahrzehnte von einem eher durchschnittlichen zu einem international vorbildlichen Standort entwickelt. Ein Blick auf die aktuellen Daten zeigt, wo genau Deutschland steht und wie groß die Unterschiede innerhalb Europas und weltweit tatsächlich sind.
Der DMFT-Wert als gängige Vergleichsgröße
Für den internationalen Vergleich von Zahngesundheit hat sich ein einziger Kennwert durchgesetzt: der DMFT-Index (Decayed, Missing, Filled Teeth), auf Deutsch auch als Karieserfahrung bezeichnet. Er zählt bei einer festgelegten Altersgruppe, meist 12-Jährigen, wie viele bleibende Zähne kariös, fehlend oder bereits gefüllt sind, und addiert diese drei Werte zu einer Gesamtzahl. Die Weltgesundheitsorganisation nutzt diesen Wert seit Jahrzehnten als zentrales Vergleichsinstrument zwischen Ländern, weil er unabhängig von unterschiedlichen Gesundheitssystemen einheitlich erhoben werden kann.
Deutschland bei Kindern: internationale Spitzenposition
Nach der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ), die zwischen 2021 und 2023 erhoben und im April 2025 veröffentlicht wurde, liegt der DMFT-Wert bei 12-jährigen Kindern in Deutschland bei nur 0,5. Rund 77,6 Prozent dieser Altersgruppe sind demnach vollständig kariesfrei. Im Vergleich zu den ersten Mundgesundheitsstudien von 1989 (alte Bundesländer) und 1992 (neue Bundesländer) entspricht das einem Kariesrückgang von etwa 90 Prozent bei älteren Kindern, einer der deutlichsten Verbesserungen, die für eine westliche Industrienation in diesem Zeitraum dokumentiert sind.
Vom Nachholbedarf zum Vorbild: ein historischer Wandel
Dieser Erfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer bewussten gesundheitspolitischen Entscheidung. Seit den 1990er-Jahren setzt Deutschland konsequent auf ein zweigleisiges Prophylaxesystem aus Gruppenprophylaxe in Kindergärten und Schulen sowie Individualprophylaxe in der Zahnarztpraxis, kombiniert mit der breiten Verfügbarkeit fluoridhaltiger Zahnpasten im Alltag. Wie stark sich das auf den Praxisalltag ausgewirkt hat, von der reinen Reparatur kariöser Schäden hin zu einem deutlich präventiver ausgerichteten Berufsbild, beschreibt der Artikel Berufsalltag als Zahnarzt. Nach Angaben der Bundeszahnärztekammer liegt Deutschland bei der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen inzwischen gemeinsam mit Dänemark an der internationalen Spitze.
Europa im Vergleich: ein deutliches West-Ost-Gefälle
Innerhalb Europas zeigen internationale Vergleichsstudien zum DMFT-Wert bei 12-Jährigen ein klares Muster: Westeuropäische und nordeuropäische Länder wie die Niederlande, Schweden, England und Dänemark liegen mit Werten von etwa 0,6 bis 0,9 in einem ähnlich niedrigen Bereich wie Deutschland. Deutlich höher liegen die Werte dagegen in mehreren mittel- und osteuropäischen Ländern: Für Litauen werden Werte um 3,6 berichtet, für Polen um 3,8 und für die Ukraine sogar über 4. Zwischen diesen Polen liegen Länder wie die Slowakei und Slowenien mit Werten um 1,4 bis 1,5. Da die zugrunde liegenden nationalen Erhebungen unterschiedliche Jahrgänge und teils unterschiedliche Methodik verwenden, sind die Werte nur bedingt exakt vergleichbar, das grundsätzliche West-Ost-Gefälle bei der Kindergesundheit zeigt sich in den verfügbaren Daten aber durchgängig.
Erwachsene und Senioren: der Trend setzt sich fort
Auch bei Erwachsenen und älteren Menschen zeigt die DMS 6 eine positive Entwicklung. Bei den 35- bis 44-Jährigen liegt die Karieserfahrung bei durchschnittlich 8,3 Zähnen, gegenüber deutlich höheren Werten in früheren Erhebungen, die Zahl fehlender Zähne ist in dieser Gruppe klar zurückgegangen. Bei den 65- bis 74-Jährigen liegt die Karieserfahrung bei 17,6 Zähnen, wobei dieser Wert inzwischen stärker durch erhaltene, restaurierte Zähne als durch Zahnverlust geprägt ist: Nur noch rund 5 Prozent dieser Altersgruppe sind vollständig zahnlos. Ein Wermutstropfen bleibt die Wurzelkaries, die mit zunehmendem Alter deutlich häufiger auftritt: Während bei den 35- bis 44-Jährigen rund 9,9 Prozent betroffen sind, liegt der Anteil bei den 65- bis 74-Jährigen bei 52,5 Prozent, eine Folge freiliegender Zahnhälse durch Zahnfleischrückgang.
Der globale Blick: enorme Unterschiede zwischen Arm und Reich
International betrachtet ist die Lage weit weniger einheitlich positiv als der europäische Vergleich vermuten lässt. Nach dem “Global Oral Health Status Report” der WHO aus dem Jahr 2022 haben schätzungsweise 28,5 Prozent der Menschen ab fünf Jahren in der WHO-Region Afrika unbehandelte Karies an bleibenden Zähnen, bei Kindern zwischen einem und neun Jahren sind es sogar 38,6 Prozent mit unbehandelter Milchzahnkaries. Eine aktuelle Auswertung der Global-Burden-of-Disease-Studie zeigt zudem, dass die absolute Zahl der Karies-Fälle in Afrika zwischen 1990 und 2021 von rund 0,19 Milliarden auf etwa 0,40 Milliarden gestiegen ist, während sie in Europa im selben Zeitraum mit rund 0,26 auf 0,25 Milliarden nahezu stabil geblieben ist.
Ein wesentlicher Grund für diese Kluft liegt in der zahnärztlichen Versorgungsdichte: Nach WHO-Daten arbeiten nur rund 1,4 Prozent aller Zahnärztinnen und Zahnärzte weltweit in einkommensschwachen Ländern, während mehr als 80 Prozent in einkommensstarken oder oberen mittleren Einkommensländern tätig sind. In der WHO-Region Afrika kommen entsprechend nur etwa 0,33 Zahnärzt:innen auf 10.000 Einwohner:innen, ein Bruchteil der Versorgungsdichte in Westeuropa.
Warum die Unterschiede so groß sind
Hinter diesen Zahlen steckt letztlich eine Kombination aus mehreren Faktoren: der flächendeckenden Verfügbarkeit fluoridhaltiger Zahnpasta, dem Ausbau präventiver Programme an Schulen und in Praxen, der Dichte an ausgebildeten Zahnärzt:innen sowie dem Grad der Krankenversicherungsabdeckung für zahnmedizinische Leistungen. Deutschland profitiert dabei von einer Kombination aus verpflichtender Gruppenprophylaxe, einem dichten Praxisnetz und einer gesetzlichen Krankenversicherung, die einen Großteil der Grundversorgung abdeckt, Bedingungen, die in vielen einkommensschwachen Regionen der Welt schlicht nicht in vergleichbarem Umfang gegeben sind.
Fazit: Prävention zahlt sich messbar aus
Der internationale Vergleich zeigt sehr deutlich, dass Zahngesundheit kein Naturgesetz ist, sondern das Ergebnis politischer und struktureller Entscheidungen. Deutschland hat sich durch jahrzehntelange, konsequente Prophylaxe von einem Land mit Nachholbedarf zu einem international vorbildlichen Standort entwickelt, während weite Teile der Welt weiterhin unter eklatantem Mangel an präventiver Versorgung und zahnärztlicher Betreuung leiden. Die Zahlen der DMS 6 und der WHO machen dabei greifbar, wie unmittelbar sich Prävention, Versorgungsdichte und Krankenversicherung in messbarer Zahngesundheit niederschlagen.
Quellen
- Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ): 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6), Ergebnisse Karieserfahrung und Versorgung in Deutschland, 2025
- Bundeszahnärztekammer (BZÄK): Daten und Zahlen, internationaler Vergleich Mundgesundheit
- World Health Organization: Global oral health status report – towards universal health coverage for oral health by 2030 (2022)
- Global Burden of Disease Study 2021: Global, regional, and national levels and trends in burden of dental caries, veröffentlicht in PMC
- ResearchGate/vergleichende Studien: Variation in methods used to determine national mean DMFT scores for 12-year-old children in European countries

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