Zahnfee, Zahnwurm, Mäuschen: Zahn-Mythen und -Bräuche weltweit
Kaum ein Körperteil ist so mythenumrankt wie der Zahn. Rund um den Verlust des ersten Milchzahns haben fast alle Kulturen der Welt eigene Rituale entwickelt, und selbst die vermeintlich moderne Zahnfee ist jünger, als viele denken. Ein Blick auf die wichtigsten Bräuche rund um Milchzähne, und auf einen der hartnäckigsten Irrtümer der Medizingeschichte.
Die Zahnfee: jünger, als sie wirkt
Die Zahnfee, wie sie heute in Deutschland bekannt ist, wirkt wie ein uralter Brauch, ist es aber nicht. Ihre schriftlich belegte Geschichte beginnt erst Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA: Eine der frühesten bekannten Erwähnungen findet sich 1908 in der „Chicago Daily Tribune“, rund zwei Jahrzehnte später folgte in den USA sogar ein eigenes Kindertheaterstück mit dem Titel „The Tooth Fairy“. In Deutschland ist die Zahnfee als festes Ritual erst seit vergleichsweise kurzer Zeit verbreitet, ein Import aus dem angloamerikanischen Raum, der sich erst in den letzten Jahrzehnten flächendeckend durchgesetzt hat. Das Prinzip ist überall gleich: Der ausgefallene Milchzahn wandert unters Kopfkissen oder in ein Glas auf dem Nachttisch, über Nacht kommt die Fee, tauscht ihn gegen eine kleine Münze oder ein Geschenk und ist am Morgen wieder verschwunden.
Ratoncito Pérez: die Zahnmaus aus dem Königshaus
Im spanischsprachigen Raum übernimmt keine Fee, sondern eine Maus die Rolle des nächtlichen Zahnsammlers: der Ratoncito Pérez. Seine Geschichte lässt sich sogar bis zu einem konkreten Anlass zurückverfolgen: Ende des 19. Jahrhunderts bat der spanische Königshof den Jesuitenpater Luis Coloma, für den jungen Thronfolger Alfonso XIII., der gerade einen Milchzahn verloren hatte, eine Geschichte zu schreiben. So entstand 1894 die Erzählung von der kleinen Maus, die seither in Spanien und weiten Teilen Lateinamerikas, von Madrid bis Buenos Aires, zum festen Bestandteil der Kindheit gehört. In Madrid gibt es dem kleinen Nager zu Ehren sogar ein eigenes kleines Museum. Nicht überall in Spanien ist es allerdings eine Maus: In der nordspanischen Region Kantabrien übernimmt stattdessen traditionell ein Eichhörnchen diese Rolle.
Auch in Frankreich ist es ein Nagetier, das die Milchzähne einsammelt: „La Petite Souris“, die kleine Maus, übernimmt dort im Grunde dieselbe Funktion wie die Zahnfee im deutschsprachigen Raum oder der Ratoncito Pérez in Spanien.
Weitere Bräuche: Ameisen, Erde und Hausschuhe
Nicht überall landet der Zahn unter dem Kopfkissen. In der Schweiz erzählt man Kindern vielerorts von einer Ameise, die den ausgefallenen Zahn gegen ein kleines Entgelt holt. In Polen wiederum wird der Milchzahn traditionell im Garten eingepflanzt, in dem Glauben, dass der neue Zahn dadurch besonders kräftig nachwächst. In Südafrika legen Kinder ihren Zahn nicht unters Kissen, sondern in einen Hausschuh: Dort holt ihn nachts die „Tandemuis“ ab und hinterlässt eine kleine Belohnung.
Eine besonders bildhafte Tradition gibt es in Japan: Dort werden ausgefallene Milchzähne geworfen statt aufbewahrt, je nachdem, ob es sich um einen Zahn aus dem Ober- oder Unterkiefer handelt, entweder aufs Hausdach oder in Richtung Erde vergraben. Die Logik dahinter: Der neue Zahn soll durch die Wurfrichtung erfahren, in welche Richtung er wachsen muss, damit er später gerade steht.
Der Zahnwurm: ein Aberglaube, der Jahrtausende überlebte
Neben den freundlichen Ritualen rund um den Zahnwechsel gibt es einen deutlich hartnäckigeren und düstereren Mythos: den Zahnwurm. Über Jahrtausende hinweg galt er als vermeintliche Ursache für Zahnschmerzen und Karies, ein kleiner Wurm, der sich angeblich im Innern des Zahns einnistet. Der älteste bekannte schriftliche Beleg für diese Vorstellung ist ein sumerischer Text aus der Zeit um 1800 vor Christus, doch der Glaube an den Zahnwurm war damit längst nicht auf den Nahen Osten beschränkt: Er lässt sich über Jahrhunderte hinweg in Europa, Indien, Ägypten, China, Japan und sogar in Südamerika nachweisen.
Auch in der abendländischen Gelehrtenwelt hielt sich die Theorie erstaunlich lange. Schon in den Schriften Homers taucht die Vorstellung vom Zahnwurm auf, und noch im 12. Jahrhundert glaubte die Mystikerin und Universalgelehrte Hildegard von Bingen an ihn, wenn auch mit einer eigenen Deutung: Bei ihr galt schlechte Mundhygiene als eigentlicher Auslöser, die den Wurm erst entstehen ließ. Selbst der einflussreiche französische Chirurg Guy de Chauliac vertrat im 14. Jahrhundert noch die Auffassung, Würmer seien für Karies verantwortlich.
Erst im 19. Jahrhundert setzte sich allmählich eine andere Erklärung durch, die Karies nicht mehr als Werk eines Fabelwesens, sondern als Folge äußerer, biologischer Prozesse begriff. Den entscheidenden Baustein für das heutige Verständnis lieferte erst 1924 der Mikrobiologe J. Kilian Clarke, der aus einer kariösen Läsion erstmals das Bakterium Streptococcus mutans isolierte und beschrieb, jenen Keim, der heute als einer der Hauptverursacher von Karies gilt. Vom sumerischen Aberglauben bis zur bakteriellen Erklärung vergingen damit rund 3.700 Jahre.
Was die Mythen gemeinsam haben
So unterschiedlich Zahnfee, Ratoncito Pérez und Zahnwurm auch wirken, sie eint ein gemeinsamer Kern: der Versuch, etwas biologisch Banales, den Wechsel der Zähne oder ihren Verfall, mit Bedeutung aufzuladen. Bei den Milchzahn-Ritualen ist das ein liebevoller, meist rein familiärer Brauch ohne medizinischen Anspruch. Beim Zahnwurm dagegen handelte es sich über Jahrhunderte um eine ernsthafte, in der Medizin verbreitete Fehlerklärung, die real existierende Behandlungsversuche nach sich zog, bis moderne mikrobiologische Methoden die tatsächliche Ursache von Karies aufdeckten. Wie Karies heute tatsächlich entsteht und sich vermeiden lässt, ist naturgemäß fester Bestandteil der zahnmedizinischen Ausbildung, mehr zu den entsprechenden Grundlagenfächern liest Du im Artikel Die wichtigsten Fächer im Zahnmedizinstudium.
Fazit: Rituale mit langer Geschichte
Vom nächtlichen Besuch der Zahnfee bis zum jahrtausendealten Aberglauben an den Zahnwurm zeigt sich, wie tief der Zahnwechsel und die Zahngesundheit in der Kulturgeschichte verankert sind. Während die freundlichen Milchzahn-Bräuche bis heute mit Freude weitergegeben werden, ist der Zahnwurm längst durch nüchterne Mikrobiologie ersetzt worden, ein Beispiel dafür, wie lange sich ein plausibel klingender Irrtum in der Medizingeschichte halten kann, bis er durch handfeste wissenschaftliche Erkenntnis widerlegt wird.
Quellen
- Chicago Daily Tribune (1908), zitiert nach dentnet.de: Über die Zahnfee: Ursprung, Geschichte & Traditionen
- spanien-reisemagazin.de: Ratoncito Pérez: Zahnmaus statt Zahnfee
- madridnatural.es: Die Geheimnisse des magischen Wesens El Ratoncito Pérez
- hallo-eltern.de: In Japan werfen Kinder ihre Milchzähne auf das Dach
- zahnaerzte-am-centro.de: Das Märchen von der Zahnmaus
- de.wikipedia.org: Zahnwurm
- 360gradzahn.de: Historische Aspekte der Zahnmedizin (Teil 1)
- GBIF: Streptococcus mutans Clarke, 1924

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