Zahnmedizinstudium in Deutschland

Wo alles begann: Traditionsreiche Uni-Zahnkliniken Deutschlands

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit

Wer heute an einer deutschen Fakultät Zahnmedizin studiert, sitzt in einem Studiengang, der noch keine 150 Jahre als eigenständiges akademisches Fach existiert. Vorher war die Behandlung von Zähnen ein Handwerk, kein Universitätsstudium. Einige Universitätsstädte haben bei diesem Übergang eine besonders frühe und gut dokumentierte Rolle gespielt, und ihre Geschichte zeigt, wie unterschiedlich und wie zäh sich die Akademisierung der Zahnmedizin in Deutschland tatsächlich vollzogen hat.

Berlin: das erste zahnärztliche Universitätsinstitut Deutschlands

Am 9. Oktober 1884 wurde in Berlin das erste einer Universität angegliederte zahnärztliche Institut Deutschlands offiziell gegründet. Nach dem Tod des ursprünglich vorgesehenen Direktors übernahm der Charité-Chirurg Friedrich Busch die Leitung und gliederte das Fach von Anfang an in drei Bereiche: Chirurgie, Prothetik und Zahnerhaltung, mit eigenen Titularprofessuren, unter anderem für den amerikanischen Zahnmediziner Willoughby Dayton Miller im Bereich Zahnerhaltung. Die Berliner Universitäts-Zahnklinik gilt seither als älteste ihrer Art in Deutschland und hat im Lauf ihrer Geschichte mehrere Umstrukturierungen und Standortwechsel durchlaufen, bis zur heutigen Einbindung in die Charité.

Leipzig: sieben Studierende in vier kleinen Räumen

Fast zeitgleich mit Berlin entstand auch in Leipzig eine der ersten zahnärztlichen Ausbildungsstätten an einer deutschen Universität. Am 16. Oktober 1884 nahm Friedrich Louis Hesse als außerordentlicher Professor mit Lehrauftrag für Zahnheilkunde seine Lehrtätigkeit vor gerade einmal sieben Studierenden auf, in vier kleinen Räumen eines universitätseigenen Gebäudes in der Leipziger Goethestraße. Hesse selbst hatte sich seinen zahnmedizinischen Abschluss zuvor am New Yorker College of Dentistry erworben, mit finanzieller Unterstützung der Leipziger medizinischen Fakultät. Das Leipziger Institut galt in der Folgezeit als Vorbild für ähnliche Einrichtungen an anderen deutschen Universitäten.

Marburg: die drittälteste zahnärztliche Klinik Deutschlands

Etwas später als Berlin und Leipzig, aber immer noch früh im deutschlandweiten Vergleich, folgte Marburg: Im April 1890 wurde dort ein eigenes zahnärztliches Institut gegründet, das damit als drittälteste zahnärztliche Universitätseinrichtung Deutschlands gilt. Die Reihenfolge Berlin, Leipzig, Marburg zeigt, wie schnell sich die Idee eines universitär verankerten Zahnmedizinstudiums innerhalb weniger Jahre über verschiedene deutsche Hochschulstandorte verbreitete, nachdem die ersten Institute den Anfang gemacht hatten.

München: aus zahnärztlichem Verbandsdruck entstanden

Ein gutes Jahrzehnt später, 1898, entstand auch an der Universität München ein eigenes zahnärztliches Institut, kurz darauf ergänzt um mehrere zahnmedizinische Professuren. Die Gründung ging maßgeblich auf den Druck bayerischer Zahnärzteverbände zurück, die sich für eine geregelte akademische Ausbildung starkmachten, nachdem Bayern bereits Jahrzehnte zuvor eine eigene Prüfungsordnung für das Zahnärzte-Handwerk eingeführt hatte. Aus diesen Anfängen ist heute eine der größten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland gewachsen, mit mehreren eigenständigen Zahnkliniken am Klinikum der LMU.

Greifswald: vom Nebenfach der Chirurgie zum eigenen Institut

In Greifswald begann die zahnmedizinische Ausbildung 1901 zunächst als Teil der chirurgischen Poliklinik, nachdem der Kieler Zahnmediziner Hermann Schröder auf Betreiben des Chirurgen August Bier als erster Lehrbeauftragter für Zahnheilkunde berufen worden war. Erst 1916 wurde aus dieser zahnärztlichen Abteilung ein eigenständiges zahnärztliches Universitätsinstitut. Greifswald zeigt damit exemplarisch, dass die Verselbstständigung der Zahnmedizin als eigenes Universitätsfach vielerorts kein einmaliger Gründungsakt war, sondern ein mehrstufiger Prozess, der sich über Jahre bis Jahrzehnte hinzog.

Ein Muster hinter den einzelnen Geschichten

Bei aller Unterschiedlichkeit im Detail lässt sich ein gemeinsames Muster erkennen: Fast überall stand am Anfang eine einzelne Person, oft mit Auslandserfahrung oder besonderem persönlichem Engagement, die zunächst gegen Widerstände ein kleines, notdürftig ausgestattetes Institut aufbaute, bevor daraus über Jahrzehnte eine etablierte Universitätsklinik wurde. Diese Entwicklung lässt sich auch im größeren Zusammenhang der Zahnmedizin-Geschichte nachvollziehen, die der Artikel Vom Zahnbrecher zum Doktor: Eine kleine Geschichte der Zahnmedizin im Überblick beschreibt.

Warum diese Geschichte auch heute noch relevant ist

Wer sich für einen Studienort entscheidet, wählt damit auch eine Institution mit einer eigenen, oft über hundert Jahre alten Geschichte, die sich mancherorts noch in Gebäuden, Sammlungen oder Traditionen der jeweiligen Fakultät widerspiegelt. Wer diese Geschichte greifbarer erleben möchte als in Form von Jahreszahlen, findet mit dem Dentalhistorischen Museum Zschadraß einen Ort, an dem die Entwicklung vom Handwerk zur akademischen Disziplin anhand konkreter Objekte nachvollziehbar wird.

Fazit

Die Geschichte der zahnmedizinischen Universitätsinstitute in Deutschland ist jünger, als man angesichts der heutigen Institutionen vermuten würde, und stark von einzelnen Personen und lokalen Zufällen geprägt. Berlin und Leipzig machten 1884 den Anfang, Marburg, München und Greifswald folgten in den folgenden drei Jahrzehnten, jede Institution mit ihrer eigenen, oft mühsamen Gründungsgeschichte.

Quellen

  • zm-online: Aus drei mach eins (zm-online.de)
  • Uniklinikum Leipzig: Geschichte der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde (uniklinikum-leipzig.de)
  • Fachschaft Zahnmedizin Marburg: Geschichte der Zahnklinik Marburg (fachschaft-zm-marburg.de)
  • LMU Klinikum: Von Zahnreißern und Badern zu Zähnen aus dem 3D-Drucker (lmu-klinikum.de)
  • Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Greifswald: Geschichte (dental.med.uni-greifswald.de)
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