Studieninhalte

KI in der Kariesdiagnostik-Lehre: Marburg, Witten/Herdecke

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit
Zahnmedizinstudent betrachtet ein Röntgenbild auf einem Tablet im Hörsaal – KI in der Kariesdiagnostik-Lehre

Die Poliklinik für Zahnerhaltung der Uni Marburg führt seit 2025 ein KI-System zur Kariesdiagnostik in die Lehre ein. Studierende werten Röntgenbilder auf dem iPad aus und bekommen eine Rückmeldung zu ihrer eigenen Diagnose. Name, Hersteller, CE-Status, Semester und Pflichtstatus nennt die Pressemitteilung nicht. Zur Genauigkeit KI-gestützter Kariesdetektion allgemein liegen Übersichtsarbeiten vor (siehe unten), die gute, aber nicht abgesicherte Werte zeigen. Als zweiter Standort kommt Witten/Herdecke hinzu – dort mit einer neuen Professur für Digitale Zahnmedizin und Künstliche Intelligenz.

Was in Marburg passiert

Die Pressemitteilung der Universität vom 19. Februar 2025 beschreibt das Vorhaben so: Studierende üben die Kariesdiagnostik an Röntgenbildern auf dem iPad, die Software analysiert die Aufnahmen nach Angaben der Universität in Sekunden und liefert diagnostische Einschätzungen. Sie soll schnellere und präzisere Befunde ermöglichen, gruppenbezogenes Lernen unterstützen und die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten erleichtern. Standardisierte, datenbasierte Auswertungen sollen außerdem die klinische Forschung unterstützen.

Die Aussagen stammen von der Universität selbst. Dass Marburg die erste Universitäts-Zahnmedizin in Deutschland mit einem solchen System in der Lehre sei, gibt zm-online (Ausgabe 06/2025) als Selbstauskunft wieder und prüft es nicht unabhängig. Prof. Dr. Carolina Ganß, Leiterin der Sektion Kariologie, nennt die Einführung in der Pressemitteilung einen „Quantensprung in der Ausbildung“. Das ist eine Einschätzung der Beteiligten, kein Wirksamkeitsbeleg. Ob die Nutzung 2026 fortgeführt wird, steht in den Quellen nicht.

Was die Forschung zur Genauigkeit sagt

Zwei Übersichtsarbeiten zu KI-gestützter Kariesdetektion auf Röntgenbildern:

Arbeit Umfang Ergebnis Einschränkung
Ammar, Kühnisch: Japanese Dental Science Review 2024; 60:128–136, DOI 10.1016/j.jdsr.2024.02.001 14 Studien zu Bissflügelaufnahmen, Meta-Analyse über 5 Sensitivität 0,87 (0,76 bis 0,94), Spezifität 0,89 (0,75 bis 0,96) 86 Prozent der Studien berichten eine Genauigkeit von mindestens 80 Prozent, die meisten haben aber ein unklares oder hohes Verzerrungsrisiko
Albano et al.: BMC Oral Health 2024; 24:274, DOI 10.1186/s12903-024-04046-7 20 Studien (Zahnfilme, Bissflügel, Panoramaaufnahmen) Sensitivität 0,44 bis 0,86, Spezifität 0,85 bis 0,98 (Abstract) Größe und Heterogenität der Datensätze, keine Meta-Analyse möglich

Die Autoren der ersten Arbeit sehen Bedarf an hochwertigen, extern validierten Studien. Für Dich heißt das: Das Feedback des Systems ist ein Übungshilfsmittel, die Diagnose stellst Du selbst. Die Herstellerangaben zu Genauigkeit einzelner Produkte sind keine Grundlage, solange eine unabhängige Prüfung fehlt.

Witten/Herdecke: Professur für Digitale Zahnmedizin

Die Universität Witten/Herdecke hat laut zm-online (Meldung vom 5. Mai 2026) Prof. Dr. Dr. Lars Bonitz, MKG-Chirurg am Klinikum Dortmund, auf eine neu geschaffene Professur für „Digitale Zahnmedizin, Simulation und Künstliche Intelligenz“ berufen. Er hat den Studiengang „Computational Medical Engineering“ initiiert und entwickelt derzeit einen postgraduierten Zertifikatsstudiengang „Künstliche Intelligenz für Mediziner und Zahnärzte“. Zum Zahnmedizinstudium selbst nennt die Meldung nur die Professur, keine Lehrveranstaltung mit Semester. Mehr zum Studienort im Artikel Zahnmedizin in Witten/Herdecke, zur Laufbahn in der Lehre im Artikel Die Uni-Karriere.

Prüfungen und Fragen an die Fakultät

Die ZApprO sieht für die staatlichen Prüfungen keine Hilfsmittel auf Basis Künstlicher Intelligenz vor. Der schriftliche Z3 ist eine beaufsichtigte Arbeit, bei der Du die richtige Antwort selbst angibst (§ 72 Abs. 2 ZApprO), der Z2 prüft praktisch und mündlich (§ 47). Frag bei der Fakultät:

  1. Welches System wird eingesetzt, und ist es als Medizinprodukt CE-gekennzeichnet?
  2. In welchem Semester und in welchem Kurs, als Pflicht oder Zusatzangebot?
  3. Geht das Ergebnis in die Bewertung ein, oder dient es nur als Rückmeldung?
  4. Wie werden Datenschutz und Fehlentscheidungen des Systems behandelt?

Wie sich Geräte und Software von der KI-Diagnostik abgrenzen, steht im Artikel Digitale Zahnmedizin im Studium, was die Entwicklung für den Beruf bedeutet, im Artikel Ersetzt die KI den Zahnarzt?. Beim Vergleich der Studienorte hilft nur die Nachfrage vor Ort, denn bekannt sind bisher nur diese beiden Standorte.

Quellen

Redaktion
Über die Redaktion

Redaktion

Die Redaktion von zahnmedizinstudium.eu betreut die Ratgeber-Artikel und Universitätsprofile auf dieser Seite – unabhängig und mit besonderem Blick auf Zulassung, Studieninhalte und Karrierewege in der Zahnmedizin.

Alle Artikel der Redaktion →