Wer NC-Werte für Zahnmedizin recherchiert und dabei auf immer neue Rekordnoten stößt, fragt sich irgendwann zwangsläufig: Gibt es nicht auch einen Weg, an dem die Abiturnote gar nicht erst die entscheidende Hürde ist? In Deutschland gibt es inzwischen zwei etablierte private Alternativen mit vollem Staatsexamen in Zahnmedizin: die traditionsreiche Universität Witten/Herdecke und die deutlich jüngere Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB), die seit dem Sommersemester 2024 zahnmedizinische Studienplätze vergibt. Beide funktionieren fundamental anders als jede staatliche Hochschule, bei der Auswahl genauso wie bei der Finanzierung, unterscheiden sich aber auch deutlich voneinander.
Witten/Herdecke: die traditionsreiche Privatuni für Zahnmedizin
Die Universität Witten/Herdecke ist die älteste private, staatlich anerkannte Universität Deutschlands mit medizinischer und zahnmedizinischer Fakultät. Anders als an staatlichen Hochschulen spielt der Numerus clausus dort für die Zulassung keine Rolle. Stattdessen läuft die Auswahl über ein eigenes, mehrstufiges Bewerbungsverfahren: schriftliche Unterlagen, ein praktischer Test, der manuelle Geschicklichkeit und räumliches Vorstellungsvermögen prüft, und ein persönliches Auswahlgespräch, in dem vor allem Motivation, soziale Kompetenz und Reflexionsfähigkeit eine Rolle spielen. Die Abiturnote fließt zwar in die Bewerbung ein, ist aber nicht das alleinentscheidende Kriterium. Pro Jahrgang werden für Zahnmedizin nur 48 Studienplätze vergeben, die Fakultät bleibt also bewusst klein.
Was das Auswahlverfahren von staatlichen Hochschulen unterscheidet
An staatlichen Universitäten läuft die Zulassung über Abiturbestenquote, Zusätzliche Eignungsquote und Auswahlverfahren der Hochschulen, ein bundesweit standardisiertes, stark noten- und testgetriebenes System über hochschulstart. Witten/Herdecke ist von diesem System komplett unabhängig: Es gibt keine zentrale Bewerbung über hochschulstart, sondern eine direkte Bewerbung an der Universität, mit eigenem Zeitplan und eigenen Kriterien. Wer an staatlichen Unis mit seiner Abiturnote chancenlos wäre, kann hier trotzdem eine reelle Chance bekommen, vorausgesetzt, der praktische Test und das persönliche Gespräch überzeugen.
Das Finanzierungsmodell: umgekehrter Generationenvertrag statt Studiengebühren
Der Begriff „Privatuni“ weckt sofort die Erwartung hoher, fester Studiengebühren, und genau hier funktioniert Witten/Herdecke anders, als die meisten annehmen. Seit 1995 finanziert sich das Studium dort über den sogenannten umgekehrten Generationenvertrag: Studierende zahlen während des Studiums keine festen Studiengebühren, sondern leisten nach dem Abschluss einen Studienbeitrag, der sich am tatsächlichen späteren Einkommen orientiert. Für den Studiengang Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mit Staatsexamen liegt dieser Beitrag bei 14 Prozent des späteren Einkommens, über einen festgelegten Zeitraum nach Studienabschluss.
Der Gedanke dahinter: Wer studiert, aber danach wenig verdient, zahlt entsprechend wenig zurück. Wer gut verdient, trägt einen größeren Teil zur Finanzierung des Studiums nachfolgender Jahrgänge bei, daher der Name „umgekehrter Generationenvertrag“, angelehnt an das Prinzip der gesetzlichen Rentenversicherung, nur mit vertauschten Rollen zwischen den Generationen. Wichtig zu wissen: Das Modell ersetzt keine BAföG-Berechtigung und keine sonstige Studienfinanzierung, sondern tritt an die Stelle klassischer, fixer Studiengebühren. Die exakten Konditionen, Laufzeiten und Ausnahmeregelungen solltest du direkt bei der Universität erfragen, da sie sich ändern können.
Die MHB Brandenburg: der neue, notenfreie Weg
Die Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) mit Sitz in Brandenburg an der Havel, unweit von Berlin, ist die zweite private Universität in Deutschland mit einem vollständigen zahnmedizinischen Staatsexamensstudiengang. Ihr Brandenburgischer Modellstudiengang Zahnmedizin (BMZ) startete zum Sommersemester 2024 und vergibt pro Semester 48 Studienplätze. Auch hier spielt ein notenbasierter Numerus clausus keine Rolle: Ausgewählt wird nach Persönlichkeit, Motivation und relevanter beruflicher Vorerfahrung. Ein Studienstart ist ausschließlich zum Sommersemester möglich.
Noch konsequenter als Witten/Herdecke geht die MHB bei den formalen Zugangsvoraussetzungen vor: Zugangsberechtigt sind laut Brandenburgischem Hochschulgesetz neben der allgemeinen und der fachgebundenen Hochschulreife auch die Fachhochschulreife und die fachgebundene Fachhochschulreife. Ein Zahnmedizinstudium an der MHB ist damit auch ganz ohne klassisches Abitur möglich, sofern eine passende berufliche Ausbildung und Qualifikation vorliegt, etwa als Zahnmedizinische Fachangestellte oder Zahntechnikerin. Bei der Finanzierung setzt die MHB anders als Witten/Herdecke nicht auf einen einkommensabhängigen Generationenvertrag, sondern auf einen festen Studienbeitrag von insgesamt 132.000 Euro über die Regelstudienzeit von 11 Semestern, rechnerisch 12.000 Euro pro Semester, zahlbar monatlich oder semesterweise. Details zum Studienaufbau, dem eng mit der Humanmedizin verzahnten Curriculum und der praktischen Ausbildung in der MHB-eigenen Zahnklinik findest Du in unserem Uni-Profil zur MHB Brandenburg.
Für wen sich Witten/Herdecke wirklich eignet
Die kleine Fakultätsgröße bringt spürbare Vorteile mit sich, die an staatlichen Massenuniversitäten selten vorkommen: engerer Kontakt zu Lehrenden, kleinere Kursgruppen im Phantomkurs und im klinischen Abschnitt, ein Studienklima, das stärker auf Persönlichkeitsentwicklung setzt als der reine Fakten- und Notendruck an vielen staatlichen Standorten. Das macht Witten/Herdecke besonders interessant für Bewerberinnen und Bewerber, die trotz solider, aber nicht überragender Abiturnote überzeugt sind, dass sie im persönlichen Gespräch und im praktischen Eignungstest punkten können.
Gleichzeitig ist das Auswahlverfahren selbst anspruchsvoll und keineswegs ein Schlupfloch: Der praktische Test verlangt echtes manuelles Geschick, und im Auswahlgespräch werden Motivation und Persönlichkeit intensiv geprüft. Wer sich fragt, ob handwerkliches Geschick für die Zahnmedizin überhaupt Voraussetzung ist, findet eine ehrliche Einordnung dazu in Braucht man handwerkliches Geschick?
Für die MHB gilt eine ähnliche Logik, nur mit noch offeneren formalen Zugangsvoraussetzungen: Sie eignet sich besonders für Bewerber:innen ohne klassisches Abitur, die über eine passende berufliche Vorerfahrung im zahnmedizinischen Umfeld verfügen, und für alle, die einen festen, planbaren Studienbeitrag einer einkommensabhängigen Rückzahlung nach dem Studium vorziehen.
Weitere private Angebote: weiterhin die Ausnahme
Abgesehen von Witten/Herdecke und der MHB Brandenburg gibt es in Deutschland derzeit kein weiteres etabliertes privates Vollstudium der Zahnmedizin mit Staatsexamen. Einzelne private Hochschulen bieten punktuell Angebote im Umfeld der Zahnmedizin an, etwa Aufbaustudiengänge oder Masterprogramme für bereits approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte, das ist aber etwas anderes als ein grundständiges Studium mit Staatsexamen. Bevor du dich auf ein vermeintliches „privates Zahnmedizinstudium“ bewirbst, das dir online begegnet, solltest du genau prüfen, ob es sich tatsächlich um ein Vollstudium mit Approbation handelt oder um ein Aufbauangebot, das ein bereits abgeschlossenes Studium voraussetzt.
Staatliches Examen trotz privater Trägerschaft
Ein Punkt, der bei der Recherche häufig für Verwirrung sorgt: Auch an einer privaten Universität wie Witten/Herdecke oder der MHB schließt du das Zahnmedizinstudium mit dem staatlichen Examen ab, das exakt denselben rechtlichen Status hat wie an jeder staatlichen Hochschule. Die private Trägerschaft betrifft ausschließlich die Organisationsform der Universität und ihre Finanzierung, nicht die inhaltlichen Anforderungen des Studiums oder den Wert des späteren Abschlusses. Die Approbation als Zahnärztin oder Zahnarzt erhältst du am Ende exakt auf demselben rechtlichen Weg wie jede Absolventin und jeder Absolvent einer staatlichen Universität: über das Landesprüfungsamt, nicht über die Universität selbst.
Das unterscheidet ein Vollstudium mit Staatsexamen fundamental von privaten Aufbau- oder Zusatzangeboten, die manchmal ebenfalls unter dem Label „Zahnmedizin an einer Privatuniversität“ beworben werden, aber eine bereits abgeschlossene Approbation voraussetzen und keinen eigenständigen Zugang zum Beruf eröffnen. Prüfe bei jedem Angebot, das dir begegnet, genau: Handelt es sich um ein grundständiges Studium mit Staatsexamen, oder um ein Aufbauprogramm für bereits approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte?
Einordnung: eine echte Alternative, kein Geheimtipp mit Nebenwirkungen
Weder Witten/Herdecke noch die MHB sind eine Hintertür, durch die man mit schwacher Note „einfach so“ zum Staatsexamen kommt: Beide Auswahlverfahren sind real anspruchsvoll, nur eben anders anspruchsvoll als der reine Notenwettbewerb an staatlichen Hochschulen. Wer sich für einen dieser Wege interessiert, sollte sich frühzeitig mit dem konkreten Ablauf des jeweiligen Auswahlverfahrens, den aktuellen Bewerbungsfristen und den genauen Finanzierungskonditionen direkt bei der jeweiligen Universität vertraut machen, die Details ändern sich, und pauschale Aussagen aus zweiter Hand sind hier mit Vorsicht zu genießen. Wer aber überzeugt ist, im persönlichen Gespräch mehr zu zeigen als eine Abiturnote je könnte, findet hier zwei der wenigen echten Alternativen zum klassischen NC-Verfahren.
Quellen
- Universität Witten/Herdecke: Staatsexamen Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Bewerbungsverfahren und Umgekehrter Generationenvertrag (uni-wh.de)
- DAAD/Hochschulrektorenkonferenz (HRK): Studiengangsdaten Zahnmedizin, Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (daad.de)
- Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane: Zahnmedizin studieren, Aufbau Modellstudiengang, Finanzierung (mhb-fontane.de)
- zm-online: „Endlich Zahnmedizin studieren in Brandenburg“, Ausgabe 2023-11

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