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Was macht ein forensischer Zahnmediziner?

RedaktionVon Redaktion4 Min. Lesezeit

Ein forensischer Zahnmediziner nutzt zahnärztliches Fachwissen für Fragestellungen der Rechtsmedizin und Kriminalistik. Im Zentrum steht eine einfache, aber weitreichende Erkenntnis: Das menschliche Gebiss ist ähnlich individuell wie ein Fingerabdruck. Zahnstellung, Füllungen, Kronen, Wurzelbehandlungen und Abnutzungsspuren ergeben in ihrer Summe ein Muster, das sich kaum bei zwei Menschen gleicht. Dieses Fachgebiet heißt forensische Odonto-Stomatologie und wird in Deutschland maßgeblich vom Arbeitskreis Forensische Odonto-Stomatologie (AKFOS) getragen, einer gemeinsamen Einrichtung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM).

Warum gerade das Gebiss für Identifizierungen taugt

Zähne halten mechanischen, chemischen und thermischen Belastungen deutlich besser stand als weiches Gewebe. Sie bleiben oft auch dann noch erhalten und auswertbar, wenn ein Körper durch Hitze, Wasser oder längere Liegezeit stark verändert ist. Genau das macht die zahnärztliche Identifizierung zu einer der zuverlässigsten Methoden, wenn ein Leichnam nicht mehr über das Gesicht, Fingerabdrücke oder unmittelbar über DNA identifiziert werden kann. Verglichen wird dabei der post-mortem erhobene Zahnstatus mit vorhandenen ante-mortem-Unterlagen wie Röntgenbildern oder Behandlungskarten aus der Zahnarztpraxis. Nach den Kriterien des Interpol DVI Guide (Disaster Victim Identification) wird das Ergebnis eines solchen Vergleichs in Zuverlässigkeitsklassen eingestuft, von einer sicheren bis zu einer möglichen Übereinstimmung.

Einsatz bei Großschadensereignissen und Katastrophen

Genau diese Eigenschaft der Zähne spielt eine besondere Rolle bei Großschadensereignissen mit vielen Todesopfern, bei denen andere Identifizierungswege oft an ihre Grenzen stoßen. In der Fachliteratur werden in diesem Zusammenhang unter anderem der Flugzeugabsturz über dem Bodensee 2002, der Tsunami in Südostasien 2004, der Absturz von MH17 2014, der Germanwings-Absturz 2015 und das Erdbeben in Nepal 2015 als Beispiele genannt, bei denen zahnärztliche Befunde zur Identifizierung beigetragen haben. Für den Ernstfall bilden Bundeskriminalamt (BKA) und AKFOS gemeinsam Zahnärztinnen und Zahnärzte in der Methodik der Disaster Victim Identification (DVI) aus, etwa in mehrtägigen Kursen am BKA in Wiesbaden und am Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig.

Bissspuren-Analyse

Neben der Identifizierung Verstorbener gehört die Auswertung von Bissspuren zum forensisch-zahnmedizinischen Aufgabenfeld, etwa bei Gewaltdelikten, bei denen eine Bissverletzung an Täter oder Opfer gesichert wurde. Weil sich Zahnform, -stellung und Abnutzungsmuster von Person zu Person unterscheiden, lässt sich eine gesicherte Bissspur unter Umständen einer bestimmten Person zuordnen oder zumindest als Ausschlusskriterium nutzen. Wie belastbar ein solcher Vergleich im Einzelfall ist, hängt stark von der Qualität der gesicherten Spur ab und wird in der Fachwelt differenziert diskutiert.

Altersdiagnostik

Ein weiteres Einsatzfeld ist die forensische Altersschätzung, die nach den Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik (AGFAD) erfolgt und einen gerichtlichen oder behördlichen Auftrag voraussetzt. Zu den zahnärztlichen Methoden zählen unter anderem die Auswertung des Zahndurchbruchs, die Transparenz des Wurzeldentins, die Racemisierung von Asparaginsäure im Dentin und die Zementanlagerung an der Zahnwurzel. Bei Kindern und Jugendlichen lässt sich das Alter über solche Methoden vergleichsweise präzise eingrenzen, bei Erwachsenen ist die rein zahnmedizinische Altersschätzung nur noch mit einer Genauigkeit von etwa plus/minus 5 bis 10 Jahren möglich.

Wie wird man forensischer Zahnmediziner?

Forensische Zahnmedizin ist kein eigenständiger Fachzahnarzt-Titel, sondern ein spezialisiertes Zusatzfeld, in das sich approbierte Zahnärztinnen und Zahnärzte über Fortbildungen, Fachkongresse und die praktische Zusammenarbeit mit Instituten für Rechtsmedizin einarbeiten. Der AKFOS richtet dazu unter anderem eine jährliche Fachtagung aus und vergibt den Gösta-Gustafson-Preis für herausragende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der forensischen Odonto-Stomatologie. Mehrere universitäre Institute für Rechtsmedizin, etwa in Berlin, Mainz und Halle, unterhalten eigene Arbeitsbereiche für forensische Odontostomatologie, an denen Zahnärzt:innen mit entsprechendem Interesse andocken können. Wer sich für den Weg in ein zahnmedizinisches Studium überhaupt erst interessiert, findet einen Überblick über mögliche spätere Spezialisierungen im Artikel Fachzahnarzt werden: alle Weiterbildungen im Überblick.

Wo arbeiten forensische Zahnmediziner?

In aller Regel handelt es sich um eine Tätigkeit im Nebenamt oder in Kooperation, nicht um einen eigenständigen Vollzeitberuf: Die meisten in diesem Bereich aktiven Zahnärzt:innen führen parallel eine eigene Praxis oder sind an einer Universitätszahnklinik beschäftigt und werden bei Bedarf von Polizeibehörden, Staatsanwaltschaften oder Gerichten als Sachverständige hinzugezogen. Auch die enge Anbindung an Institute für Rechtsmedizin ist typisch, da forensische Fragestellungen dort ohnehin zum Kerngeschäft gehören.

Fazit: eine Nische mit hoher gesellschaftlicher Relevanz

Forensische Zahnmedizin ist kein Massenfeld, aber ein Bereich mit spürbarer gesellschaftlicher Bedeutung, gerade wenn andere Identifizierungsmethoden versagen. Wer sich dafür interessiert, sollte Freude an interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Rechtsmedizin und Polizei mitbringen sowie die Bereitschaft, sich neben dem regulären Praxisalltag kontinuierlich fortzubilden. Ein geschützter Fachzahnarzt-Titel winkt hier nicht, dafür aber ein seltenes und anspruchsvolles Betätigungsfeld an der Schnittstelle von Zahnmedizin, Recht und Kriminalistik.

FAQs

Ist forensische Zahnmedizin ein eigener Fachzahnarzt-Titel?

Nein. Es handelt sich um ein spezialisiertes Zusatzfeld, in das sich approbierte Zahnärzt:innen über Fortbildungen des AKFOS und die Zusammenarbeit mit Instituten für Rechtsmedizin einarbeiten, nicht um eine geschützte Fachzahnarzt-Bezeichnung.

Wofür wird das Gebiss bei Identifizierungen genutzt?

Zahnstellung, Füllungen, Kronen und Abnutzungsmuster sind bei jedem Menschen individuell ausgeprägt und bleiben auch unter widrigen Bedingungen oft erhalten. Deshalb lässt sich ein post-mortem erhobener Zahnstatus mit vorhandenen zahnärztlichen Unterlagen abgleichen, etwa bei nicht anders identifizierbaren Leichen oder nach Großschadensereignissen.

Wie genau ist eine forensische Altersschätzung?

Bei Kindern und Jugendlichen lässt sich das Alter über den Zahndurchbruch und weitere Methoden relativ präzise eingrenzen. Bei Erwachsenen ist eine rein zahnmedizinische Altersschätzung nur noch mit einer Genauigkeit von etwa plus/minus 5 bis 10 Jahren möglich.

Quellen

  • Arbeitskreis Forensische Odonto-Stomatologie (akfos.com): Geschichte, Aufgaben, Bissspur-Analyse
  • Institut für Rechtsmedizin der Charité Berlin (rechtsmedizin.charite.de): Forensische Altersschätzung
  • Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz (unimedizin-mainz.de): Forensische Altersdiagnostik
  • Wikipedia: Forensische Zahnmedizin
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