Henriette Hirschfeld-Tiburtius: Deutschlands erste Zahnärztin
Heute studieren an deutschen Universitäten mehr Frauen Zahnmedizin als Männer. Dass das überhaupt möglich wurde, ist historisch keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einzelner Frauen, die sich gegen erhebliche Widerstände durchsetzten. Die erste von ihnen war Henriette Hirschfeld-Tiburtius, geboren am 14. Februar 1834 in Westerland auf Sylt. Sie musste dafür einen Weg gehen, den sich heute kaum noch jemand vorstellen kann: über den Atlantik, weil in Deutschland schlicht kein Studienplatz für sie vorgesehen war.
Warum ein Studium in Deutschland nicht möglich war
Als Hirschfeld sich für Zahnmedizin zu interessieren begann, gab es in Deutschland noch keine zahnärztlichen Hochschulen im heutigen Sinn, die praktische Ausbildung erfolgte überwiegend über Lehrverhältnisse bei bereits praktizierenden Zahnbehandlern. Frauen war der Zugang zu deutschen Universitäten zu dieser Zeit generell verwehrt, ein Zahnmedizinstudium für eine Frau war in Deutschland damit schlicht nicht vorgesehen, unabhängig von individueller Eignung oder Motivation.
Der Schritt nach Philadelphia
Hirschfeld entschied sich deshalb zu einem für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlichen Schritt: Im Herbst 1867, im Alter von 33 Jahren, wanderte sie in die USA aus, um am Pennsylvania College of Dental Surgery in Philadelphia zu studieren. 1869 schloss sie ihr Studium dort erfolgreich ab und gilt damit als erste Frau, die einen vollständigen College-Studiengang in Zahnmedizin absolvierte, ein Meilenstein, der über die deutsche Geschichte hinausreicht.
Rückkehr nach Berlin und eigene Praxis
Noch im selben Jahr, im Herbst 1869, eröffnete Hirschfeld in Berlin-Mitte, an der Behrenstraße 9 Ecke Glinkastraße, ihr eigenes „Zahnatelier“. Die Praxis war zunächst schwerpunktmäßig Frauen und Kindern vorbehalten, entwickelte sich aber rasch zu einer angesehenen Adresse in besseren Berliner Kreisen. Für viele Frauen, die von ihrem Weg über Amerika erfuhren, wurde Hirschfeld dadurch selbst zum Vorbild: Mehrere von ihnen entschieden sich in der Folge, ebenfalls in den USA Zahnmedizin zu studieren, da ein entsprechender Weg in Deutschland weiterhin nicht offenstand.
Hofzahnärztin der Kronprinzessin
Ihre fachliche Reputation trug Hirschfeld schließlich bis an den preußischen Hof: Sie wurde zur Zahnärztin der Kronprinzessin Victoria, der späteren Kaiserin Friedrich, bestellt und behandelte demnach auch deren Kinder. Für eine Frau, die wenige Jahre zuvor noch keinen Studienplatz in ihrem eigenen Land bekommen konnte, war das eine bemerkenswerte gesellschaftliche Anerkennung.
Ehe, Poliklinik und soziales Engagement
Im Winter 1872 heiratete Hirschfeld den Stabsarzt Karl Tiburtius, den Bruder ihrer engen Freundin, der Ärztin Franziska Tiburtius. Gemeinsam mit Franziska Tiburtius und der Ärztin Emilie Lehmus war sie 1876 an der Gründung einer der ersten von Frauen geleiteten Poliklinik beteiligt, die kostenlose medizinische Versorgung für Frauen aus einfachen Verhältnissen anbot. Hirschfeld selbst richtete im Anschluss an diese Poliklinik zusätzlich eine eigene Krankenstation für bedürftige Frauen ein. Sie starb am 25. August 1911, im Alter von 77 Jahren.
Was sich seitdem verändert hat
Der Weg, den Hirschfeld gehen musste, um überhaupt Zahnmedizin studieren zu dürfen, lässt sich am heutigen Geschlechterverhältnis im Fach besonders deutlich ablesen. Laut Statistischem Jahrbuch der Bundeszahnärztekammer lag der Frauenanteil unter den Zahnmedizin-Absolvent:innen in Deutschland 2023 bei 67,4 Prozent gegenüber 32,6 Prozent bei den Männern, das Fach hat sich also nicht nur geöffnet, sondern in der Studierendenschaft mittlerweile klar zu einem von Frauen dominierten Feld entwickelt. Wie sich der Alltag im Studium heute konkret gestaltet, beschreibt der Artikel Erstsemester-Tipps fürs Zahnmedizinstudium.
Fazit: eine Pionierin gegen erhebliche Widerstände
Henriette Hirschfeld-Tiburtius mag heute nur wenigen ein Begriff sein, ihre Geschichte gehört aber zu den prägendsten Kapiteln der deutschen Zahnmedizingeschichte. Sie zeigt, wie kurz die Zeitspanne zwischen einer Zeit, in der Frauen für ein Zahnmedizinstudium ins Ausland auswandern mussten, und der heutigen Selbstverständlichkeit eines gemischten, mittlerweile mehrheitlich weiblichen Hörsaals tatsächlich ist.
Quellen
- Ärztekammer Berlin, Magazin: Ärztinnen der 1. Generation – Henriette Hirschfeld-Tiburtius
- Wikipedia (englisch): Henriette Hirschfeld-Tiburtius
- KZV Nordrhein: Mehr als zwei Drittel der Absolventen in der Zahnmedizin sind Frauen (Statistisches Jahrbuch der Bundeszahnärztekammer)

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